Im Nahen Osten passiert es häufiger, als Strategen zugeben möchten: Staaten verfolgen ein Ziel – und produzieren am Ende dessen Gegenteil. Genau das zeichnet sich derzeit u. a. in Syrien ab.
Viele Beobachter betrachten die Annäherung zwischen Ankara und dem neuen Syrien reflexartig als Ausdruck ideologischer Nähe, historischer Verbundenheit oder gar eines türkischen Erfolgsprojekts. Es ist aber etwas viel Banaleres – und deshalb politisch viel interessanteres: Interessen - etwas, dass in der Ader des Nahen Ostens fließt.
Die Türkei betrachtet Syrien nicht als karitatives Wiederaufbauprojekt und auch nicht als romantisches Nachbarschaftsexperiment oder will es Heim ins Reich holen. Ankara sieht Chancen: wirtschaftliche Öffnung, Infrastruktur, Handel, sicherheitspolitische Tiefe – und natürlich die alte strategische Konstante türkischer Außenpolitik: die Kontrolle der Dynamik entlang der südlichen Grenze und damit einhergehend der PKK-Frage.
Daran ist wenig Überraschendes. Staaten handeln selten aus Zuneigung, auch nicht die Türkei. Interessanter ist die andere Seite der Medaille.
Damaskus wiederum muss die Türkei nicht aus blindem Vertrauen umarmen. Syrien kennt die Türkei, man kennt die Interessen des Anderen, die Ambitionen und auch die historischen Spannungen. Doch Politik ist selten die Kunst des Wünschenswerten – meistens ist sie die Kunst des Verfügbaren. Und genau hier beginnt das Paradoxon.
Während Syrien sich sichtbar vom iranischen Einflussraum entfernt und zugleich signalisiert, keinen offenen Konflikt mit Israel anzustreben, entsteht keine neue regionale Sicherheitsarchitektur – sondern ein Vakuum.
Wer dieses Machtvakuum nicht füllt, überlässt es anderen, in dem Fall der Türkei.
Wenn aus Damaskus Signale der Deeskalation kommen, aus Israel jedoch vor allem Misstrauen, Druck oder Ablehnung wahrgenommen werden und die territoriale Integrität in Frage gestellt und massiv eingegriffen wird, entsteht für Syrien kein Anreiz zur Distanz gegenüber der Türkei – sondern zur Annäherung. Denn Staaten suchen in unsicheren Zeiten keine perfekten Partner. Sie suchen verfügbare Partner, Partner die auch ihr Wort halten.
So könnte ausgerechnet die Politik jener Kräfte, die den türkischen Einfluss begrenzen wollen, dessen Ausweitung beschleunigt haben. Das bedeutet nicht, dass Ankara Syrien kontrolliert. Es bedeutet auch nicht, dass Damaskus plötzlich zu einem türkischen Satelliten wird. Aber es bedeutet: Einfluss entsteht oft nicht dadurch, dass man jemanden überzeugt – sondern dadurch, dass man die Alternativen unattraktiv macht.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Ironie unserer Zeit. Nicht jede geopolitische Expansion beginnt mit einem großen Plan. Manches beginnt damit, dass jemand anderes den Raum leer lässt.
Netanjahu hatte schlichtweg nicht den Mut dazu, dieses Vakuum zu füllen, Erdoğan schon - ist er doch ein Kind seiner Zeit, der sich nicht fürchtet, so wie Mustafa Kemal Atatürk es vorgemacht hat: „Fürchtet euch nicht.“ („Korkma“)