Wahlkampfrede am Tag der Befreiung Izmirs

von Nabi Yücel, 10 September, 2022

In der türkischen Küstenstadt Izmir hielt der Oberbürgermeister Tunç Soyer am Tag der Befreiung von Izmir eine Rede ab. Die von einer Identitätskrise und Geschichtsklitterung durchtränkte Rede hätte auch von einem Stadtstaat in Griechenland aus der Antike stammen können.

In der Antike verstanden Griechen sich nicht als griechische Bürger, sondern als Bürger ihrer Stadt. Deshalb nannten sie sich nicht Hellenen, sondern „Athener“, „Spartaner“ oder „Korinther“.

Rund 2.000 Jahre später, am 9. September 1922, wurde die türkische Küstenstadt, die Perle der Ägäis Izmir, von der griechischen Besatzungsmacht befreit. Die türkische Befreiungsarmee unter dem Oberbefehl von Mustafa Kemal Pascha und Ali Fuat Pascha, hatte die griechische Besatzungsarmee 2 Jahre davor, rund 20 km vor Ankara, im Landkreis Polatlı, abgefangen und die griechische Offensive gestoppt.

Von nun an drängte die Befreiungsarmee die Besatzer zurück. Am 9. September 1922, also nach 1207 Tagen Besatzungszeit, wurde die Stadt Izmir befreit. Hundert Jahre später stand am vergangenen Freitag der Oberbürgermeister der Stadt Izmir, Tunç Soyer (CHP), auf dem Podium, um im festlichen Rahmen an der Promenade eine Rede abzuhalten.

Die Rede war schlicht und einfach von den bevorstehenden türkischen Wahlen motiviert. Die Rede war durchtränkt von einer Identitätskrise, die den Osmanen-Türken-Schnitt erneut unterstrich. Man hätte diese Rede genauso gut im antiken Athen, Sparta oder Korinth hören können, während Dareios I. oder Xerxes I. anrücken. Am Freitag hörte man einen Oberbürgermeister reden, der die Türkei erneut an seinen kulturellen und nationalen Grundfesten rüttelte; nicht zum ersten Mal.

Es gibt also eine Türkei, die keine Geschichte hat, die nur 100 Jahre zurückreicht. Es gibt demnach auch keinen osmanischen Großvater, keinen osmanischen Urgroßvater und schon gar nicht ist Mustafa Kemal im osmanischen Thessaloniki geboren. Mustafa Kemal Pascha wurde auch nicht vom osmanischen Staat beauftragt, am 15. Mai 1919 nach Samsun aufzubrechen, von wo der Widerstand begann.

Die Mär, Sultan Mehmed VI. und Großwesir Damad Ferid Pascha hätten den damaligen Brigadegeneral daran gehindert, nach Samsun aufzubrechen, hält sich in diesen Kreisen hartnäckig. Dabei geht es nicht darum, was sie nach außen hin zeigten, sondern, dass der Auftrag an Mustafa Kemal Pascha erteilt wurde, als Inspektor nach Samsun zu reisen und in Inneranatolien die Kapitulationsbedingungen der Alliierten durchzusetzen und zu kontrollieren - zumindest nach außen hin.

Man muss dazu wissen, dass die Osmanen bereits sehr lange Zeit Inspektoren einsetzten, um das Reich zu kontrollieren, zu überprüfen, ob die staatlichen Vorgaben eingehalten werden - eine Errungenschaft, die sich später auszahlen sollte. Dem britischen Kommissar Somerset Gough-Calthorpe kam das sehr entgegen, im Osmanischen Reich den Waffenstillstand von Mudros eben über diese vorhandenen Strukturen durchzusetzen.

Die osmanische Generalität setzte hierfür eine Verordnung auf und führte Mustafa Kemal Pascha als Inspektoren an. Diese Verordnung wurde dem Sultan und dem Großwesir vorgelegt, die das ebenfalls absegneten. Zieht man nun die Memoiren von Falih Rıfkı Atay oder Mahmut Soydan heran, war zumindest der Sultan voller Hoffnung, dass die Inspektionsreise von Mustafa Kemal Pascha in einer Befreiung endet.

Laut Atay und Soldan traf sich Mustafa Kemal Pascha noch ein letztes Mal mit Sultan Mehmed VI., bevor er die Reise nach Samsun antrat. Hier erklärte der Sultan:

Pascha, Pascha! Sie haben für den Staat bisher viel geleistet. All dies ist jetzt in diesem Buch gebunden und ist Geschichte! Vergessen Sie all das, den Dienst, den Sie jetzt leisten, ist möglicherweise der wichtigste von allen! Pascha, Pascha... Du kannst den Staat retten!...

Man mag über den Großwesir Damad Ferid Pascha oder den letzten Sultan denken, was man will! Sie waren aber die Kinder ihrer Zeit und beugten sich einer Macht, die die Armee des Reiches geschlagen, das Reich aufgeteilt hatten. Der Staat stand aber über ihnen, über ihre Titel hinaus. Für die Existenz des Staates gaben sie ihre Titel auf, wie einst die Seldschuken ihre Titel für die Osmanen aufgaben.

In diesen wirren Zeiten behielten die großen Staatsmänner des Reichs also den Überblick, setzten alles auf eine Karte und schickten Mustafa Kemal Pascha nach Anatolien, um dort einen Widerstand aufzubauen und sich gegen die Besatzungsmächte aufzubäumen. Sie waren alle osmanische Bürger, Bürger eines Reiches, eines Staates, deren Strategie letztendlich aufging und zuletzt der Perle der Ägäis Izmir die Befreiung bescherte.

Tunç Soyer überging diesen Teil der Geschichte in seiner Rede zum wiederholten Male, während er es stets vermied, die griechische Besatzung beim Namen zu erwähnen. Er betrieb Geschichtsklitterung mit der Absicht, eine Debatte auszulösen und diesen bis zu den Wahlen aufrechtzuerhalten.

Entgegen Tunç Soyer haben zahlreiche namhafte türkische Historiker eine gesunde Einstellung zu den Osmanen, den Vorvätern der Türken. İlber Ortaylı erklärte einmal, die Türkei gebe es mit den Osmanen, nicht ohne sie. Er stamme von den Osmanen ab und wer die Osmanen nicht verstehe oder sie in Abrede stelle, habe keine Berechtigung, über sie zu reden.

Izmir ist, wenn man es in Zusammenhang mit der Rede von Soyer eingrenzen will, genau genommen auch nicht die Brutstätte der Demokratie oder Befreiung. Die Demokratie, der Funke des Widerstands, die wurde im entfernten Dörtyol, in Gaziantep, in Maraş entfacht. In Amasya, Sivas und Ankara angefeuert. Die Bevölkerung dieser osmanischen Städte standen gegen die Besatzer zusammen mit Mustafa Kemal Pascha - dem später der Titel Atatürk vergeben wurde - auf, während von Izmir aus eine Besatzungsarmee sich in Richtung Inneranatolien aufmachte und von der Befreiungsarmee kurz vor Ankara aufgehalten wurde. Von hier aus begann auch der Befreiungsschlag, die zwei Jahre ausgefochten wurde.

 

 

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