Der türkische Oppositionsanführer Özgür Özel bewegt sich rhetorisch manchmal wie jemand, der gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen will – und sich wundert, dass er dabei gelegentlich auf viele Füße tritt. Nichts neues in der Partei CHP, deren einstiger und gegenwärtiger Parteichef Kemal Kılıçdaroğlu genau dieselben taktischen Fehler machte, wie jetzt sein ehemaliger Ziehsohn und gegenwärtige Parteikontrahent Özgür Özel.
In der Türkei kristallisieren sich zwei Lager, die sich nicht nur in diesem Punkt vehement widersprechen. Das erste Lager sagt: „Die Justiz ist vollkommen unabhängig.“ Das zweite Lager sagt: „Die Justiz wird vom Präsidenten per Fernbedienung gesteuert.“ Beide Lager haben etwas gemeinsam: Sie vereinfachen die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit.
Es gibt Fälle, die zeigen nicht nur, wie ein Staat, ein Staatenverbund funktioniert. Sie zeigen vor allem, wie eine Gesellschaft funktioniert. Der Fall Hüseyin Doğru ist ein solcher Fall und ein Paradebeispiel für die Doppelmoral von sogenannten Demokratieverfechtern, die sich gegenwärtig bedeckt halten.
Wieder einmal wird die Geschichte erzählt, die im Westen besonders beliebt ist und nach Amberin Zaman nun von Gönül Tol gepflegt wird: Die Türkei habe sich verirrt, habe mit Russland geflirtet, die Grenzen ihrer „strategischen Autonomie“ erkannt und sei nun reumütig in den Schoß des Westens, der NATO zurückgekehrt. Das ist die gängige Lesart im Westen.