Es gibt in Deutschland eine bemerkenswerte Disziplin: Empörung und Schnappatmung über etwas das gesagt wurde.
Nicht nach dem Original, nicht nach dem Kontext, sondern nach der Interpretation einer z.B. Übersetzung, die so oft wiederholt wird, bis sie als Wahrheit gilt.
Hier liegt das Problem der deutschen Debattenkultur: Empörung basiert oft nicht auf dem Gesagten, sondern auf dessen verzerrter Wiedergabe.
Beispiel: Vom Zitat zur Schlagzeile
Ein aktueller Fall zeigt das deutlich.
Der türkische Außenminister sagte während eines langen TV-Interviews in einem türkischen Kanal sinngemäß, „diese Männer, diese Politik, diese Geisteshaltung“ seien eine Last für die Menschheit.
Im Deutschen wurde daraus schnell:
„Die Türkei erklärt Israel zur Last der Menschheit.“
Aus Kritik an einer politischen Führung wurde eine Debatte über die Existenz eines Staates: Israel.
Willkommen im deutschen Framing-Studio: Hier wird nicht nur übersetzt, sondern interpretiert, moralisch aufgeladen und als Tatsache verkauft.
Analyse: Was tatsächlich gesagt wurde
Der türkische Satz ist eindeutig:
„Bu adamlar, bu siyaset, bu kafa yapısı.“
Auf deutsch: “Diese Männer. Diese Politik. Diese Geisteshaltung.”
Nicht: das jüdische Volk. Nicht: alle Israelis. Nicht einmal der Staat Israel.
Man muss diese Worte nicht mögen, aber man sollte sie korrekt wiedergeben.
Doch Genauigkeit ist oft zweitrangig, wenn es darum geht, einer israelischen Regierung die Stange zu halten.
Dabei geht es um reale Konflikte: Die Türkei kritisiert Israels Vorgehen im Gazastreifen. Internationale Menschenrechtsorganisationen erheben schwere Vorwürfe. Der internationale Strafgericht ermittelt gegen Mitglieder der israelischen Regierung.
Zudem, die Sprache der Türkei in Bezug auf Israel hat sich nicht infolge der Ereignisse vom 07.10.2023 verschärft, sondern vielmehr infolge des bestialischen und völkerrechtswidrigen Vorgehens Israels in Gaza in der Zeit danach bis jetzt. Das ist eine Haltung, an der gerade Deutschland sich in Hinblick auf das andere deutsche Mantra “Nie wieder!” ein Beispiel nehmen sollte, da “Nie wieder!” natürlich nur heißen kann, “Nie wieder Völkermord und Unterstützung für Völkermord!”
Eine “rote Linie”, wie aus der deutschen Schnappatmung herauszuhören, ist mit dem besagten Satz von Hakan Fidan nicht überschritten. In Anbetracht des Genozids in Gaza, der ethnischen Säuberung im Westjordanland und mehrere Angriffskriege ist es mehr als legitim, wenn Fidan vom Überschreiten von roten Linie spricht. Diese roten Linie sind auch nicht verhandelbar oder eine Frage von Meinungsfreiheit. Die erklärt gewollte Vernichtung von Menschen im industriellen Maßstab - und Israel lässt daran keinen Zweifel - ist bereits weit über alle roten Linien hinaus.
Denn, seit die Türkei darauf hinweist, haben mehrere hochrangige israelische Politiker in jüngerer Zeit die Türkei als potentielles nächstes Angriffsziel identifiziert. Seitens der Türkei besteht also jedes Recht, über rote Linien zu sprechen, die Israel in der Tat überschreitet.
Es ist auch müßig , darüber zu diskutieren, wer wessen Existenzrecht infrage stellt. Israel ist nicht per se ein allgemein völkerrechtlich anerkannter Staat, sondern wird von 162 der 196 UN-Mitglieder anerkannt. Die restlichen 34 tun das nicht. Der Vollständigkeit halber: Palästina wird als Staat von 138 Staaten zzgl. 41 Enthaltungen anerkannt, 9 Staaten lehnen dies ab (darunter Israel).
Gerade deshalb sollte die Debatte auf Fakten beruhen – nicht auf verzerrten Übersetzungen oder falsch verstandenen Loyalitäten.
Besonders widersprüchlich wirkt es, wenn Deutschland „Nie wieder!“ beschwört, aber jede Diskussion über mögliches Unrecht sofort unter Antisemitismusverdacht stellt.
„Nie wieder“ ist ein universeller Anspruch – unabhängig von Täter und Opfer.
Kritik an Regierungspolitik ist nicht gleich Kritik an Volk oder Religion. Zionismus, Judentum, Regierung und Gesellschaft sind keine identischen Begriffe.
Der eigentliche Skandal liegt also nicht im Gesagten, sondern in dem krampfhaften vergeblichen Versuch, gesagtes umzudeuten.