Apologetische Bestätigung israelischer Selbstverteidigungsdoktrin

Zu lesen in den Sprachen: GERMAN

 

Douglas K. Murray, britischer Autor und Publizist, Mitherausgeber des "The Spectator", hat es mit einer Strohmann-Debatte in die deutsche Volksseele geschafft. U.a. Karl Lauterbach (Bundesminister für Gesundheit), Michael Blume (Antisemitismusbeauftragter BW) und Veronika Grimm (Sachverständigenrat) zeigten sich erquickt über die Ausführungen von Murray, der in den Verhaltensmustern zwischen Nazis und der Hamas einen Zusammenhang und Palästinenser in der Kollektivschuld sieht. Jan Fleischhauer (Chefredaktion des Focus) und Karin Prien (Bildungsministerin des Landes Schleswig-Holstein) feierten das Ergebnis der Talkshow mit Douglas K. Murray sogar frenetisch ab.

Nun rudern Vereinzelte wieder zurück. Warum?

Was wiegt schwerer? 11.000 zivile Todesopfer oder 1.200 zivile Todesopfer?

Man muss auf den Quark von Murray nicht sonderlich eingehen. Ob man darüber sinnieren kann, was schlimmer war, Drittes Reich oder das Hamas-Reich, darüber kann man lang und tief debattieren, wenn es einem selbst hilft, der Wahrheitsfindung näher zu kommen. Aber in aller Öffentlichkeit? Und vor allem, in Deutschland?

Was dabei aber stets zu kurz kommt? Laut dem israelischen Kabinett leben gegenwärtig bis zu 1.700.000 Gaza-Bewohner (bei einer Gesamtbevölkerung von 2,2 Millionen) nicht mehr in ihren eigenen Häusern. Entweder weil sie vertrieben wurden oder weil ihre Häuser zerstört / beschädigt wurden. Über 11.000 zivile Todesopfer zählte die UN im Gazastreifen, die in nur einem Monat mit einem Bombenteppich der israelischen Streitkräfte verursacht wurden.

Mit dieser Debatte wurde das ganze in die Schublade der „Verhältnismäßigkeit“ verstaut. Damit waren die zivilen Opfer - darunter mehr als 4.000 unter 16-jährigen - dieses israelischen "Verteidigungskrieges" aus dem Blick, aus dem Sinn. Sprich, darüber verlor Murray kein Wort, weshalb die frenetische Begeisterung in Deutschland ja erst ihren Lauf nahm.

Was diese Damen und Herren der deutschen Elite damit bezweckten, dass steht im Raum: der Versuch, dem Völkermord-Vorwurf gegenüber der israelischen Regierung durch internationale Rechtsexperten und der halben Erdkugel den Wind aus den Segeln zu nehmen. Denn, ganz gleich, ob der Völkermord durch Angriffskrieg oder Verteidigungskrieg begangen wird, es reicht allein schon die Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören.

Kriegsverbrechen, Völkermord und ethnische Säuberungen

Was die israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu und das Kabinett nach dem 7. Oktober immer wieder von sich gaben, implizierte genau das: Völkermord und ethnische Säuberung. Von den zuvor gegen die israelische Regierung vorgetragenen Völkerrechtsbrüchen, bei der unter anderem auch Deutschland zuletzt am 9. November erneut dafür votierte, dass die israelische Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten“, einschließlich Ostjerusalem, und der besetzt gehaltenen syrischen Golanhöhen, gegen Völkerrecht verstößt, wollen wir erst gar nicht anfangen.

Seit dem 7. Oktober erklären die Vereinten Nationen, dass bei den israelischen Bombardements mindestens 192 medizinische Mitarbeiter getötet wurden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren mindestens 16 von ihnen zum Zeitpunkt ihres Todes im Einsatz. Darüber hinaus wurden 101 UNRWA-Mitarbeiter getötet. Die höchste Zahl an UN-Mitarbeitern, die in einem Konflikt in der Geschichte der Organisation getötet wurden. Seit Beginn dieser Krise wurden außerdem 18 Mitarbeiter des palästinensischen Zivilschutzes und 44 palästinensische Journalisten im Gazastreifen getötet. Das ist eine Ansammlung von Nonplusultra an Völkerrechtsbrüchen, die Israel seit ihrem Bestehen begeht.

"Vermehren sich wie Karnickel!

Genau das wird seit Jahrzehnten unter den Teppich gekehrt. Es gibt ja z.B. tatsächlich den Einwand gegen den Völkermord-Vorwurf mit dem Netto-Bevölkerungswachstum. Sprich, man könne ja nicht so viele Palästinenser absichtlich töten und von der Erde ausradieren, wenn sie sich doch wie "Karnickel" vermehren würden. Zwar hat es Murray so nicht gesagt, aber die frenetisch-kritische Masse in Deutschland subsummiert das so. Dabei liegt die Geburtenrate bei israelischen Frauen etwas höher als bei Palästinenserinnen selbst. Diese Masse bemerkt also nicht einmal mehr, dass die "Karnickel"-Aussage vor allem auf die Israelis selbst zutrifft.

Der Versuch der Dämonisierung der Palästinenser anhand eines Vergleichs mit Nationalsozialisten des Dritten Reichs mag vielleicht in manchen deutschen Köpfen keine Verharmlosung des Holocaust bedeuten, weil ja die historische Einzigartigkeit nicht infrage gestellt werde, aber genau das wird gemacht und dient als Argumentation gegen Hamas=Palästinenser, dass es eigentlich gar nicht geben dürfte. Und dabei werden Argumente vorgetragen, die jenseits ethischer wie moralischer Werte liegen. So tief kann also ein Land trotz "Nie wieder!" sinken...

Hamas hat ein Kriegsverbrechen begangen! Netanjahu ebenfalls!

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Die Hamas hat am 7. Oktober ein schreckliches Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. In der Folge sind es die Netanjahu-Schergen, die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Die Ausrede, dass Hamas schrecklicheres angerichtet habe, sich hinter Zivilisten verstecke, sie als Schutzschilde missbrauche, entbindet Israel nicht von der Verantwortung für diese Form der verbrecherischen Kriegsführung.

Dass hier schwere Verbrechen vorliegen, wird außerhalb des deutschsprachigen Paralleluniversums allenthalben gesehen. Mehr und mehr auch bei den westlichen Verbündeten. Franzosen, Amerikaner, Briten: ihnen allen dämmert langsam, wem sie da einen Freibrief erteilt haben und ihnen wird nach und nach klar, dass sie drauf und dran sind, sich der Komplizenschaft bei Verbrechen schuldig machen, die mindestens auf ethnische Säuberung, wenn nicht gar auf Völkermord hinauslaufen. Nur in Deutschland hat man sich - wieder einmal - dazu entschieden, bis zum bitteren Ende auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen. Und glaube niemand, dass man diesmal damit davon kommt, nichts gewusst haben zu wollen, auch wenn man jetzt wie die deutsche Elite dieser Tage, diesen geteilten Murray-Beitrag löschen oder sich genötigt fühlen, es abzuschwächen oder in Abrede zu stellen.

Israel ist das Ergebnis der Kolonialgedankens

Israel ist selbst das Ergebnis einer Kolonialisierungsideologie, die in ihrem völkisch-chauvinistischen Gepräge den rassistischen Kolonialisierungs- und Missionierungsbemühungen früherer Jahrhunderte in nichts nachsteht. Wenn dieser deutschen Elite angesichts der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, welche die israelischen Streitkräfte schon zum wiederholten Mal an der palästinensischen Zivilbevölkerung verübt haben, angesichts des seit Jahrzehnten andauernden, illegalen und gewaltsamen Siedlerkolonialismus, angesichts der tausendfachen Schikanen, Verhaftungen und Folterungen in israelischen Gefängnissen nichts anderes einfällt als eine apologetische Bestätigung israelischer Selbstverteidigungsdoktrin, die nichts anderes ist als eine Legitimierung von Massenmord, dann wäre es besser ganz zu schweigen.

Netanjahu schweigt jedenfalls nicht, er sucht nach einem Rettungsanker. Auf die Frage der CNN-Moderatorin, warum er nicht jetzt die Verantwortung für den 7. Oktober übernehme, erklärt er:

„Wurde Franklin Roosevelt diese Frage nach Pearl Harbor gestellt?
Wurde Bush nach dem 11. September gefragt?“

Die USA scheinen jedenfalls die Rechnung Netanyahu überlassen zu haben!