Der illiberale Liberal Islamische Bund

von Nabi Yücel, 16 Juli, 2021

Der Liberal Islamischer Bund e.V. (LIB) ist gar nicht so "liberal", wie sie sich gibt. Stattdessen echauffiert sie sich in sozialen Medien über ein einziges Blatt des DIYANET-Wandkalenders 2021, der in sehr vielen Moscheegemeinden der DITIB in Deutschland seit beinahe 3 Jahrzehnten verteilt wird.

Um welchen Eintrag es sich handelt, über die man sich derzeit verausgabt, welche Einträge es noch in den restlichen 364 Blättern gibt und warum sich die DITIB für etwas rechtfertigen muss, die ausschließlich die türkisch-muslimische Community in Deutschland betrifft, darüber wollen wir mal reden!

Erleben wir hier gerade eine künstliche Schnappatmung wie es im Buche steht? Und was für eine Moralvorstellung lebt der LIB in Bezug zur Demokratie vor?

Weshalb regt sich nun der LIB zum heutigen Eintrag im DIYANET-"Yurt Dışı" - Gebetszeitenkalender auf? Um das Blatt vom 15. Juli, in der der gescheiterte Putschversuch in der Türkei, der vor 5 Jahren am 15. Juli stattfand, erwähnt wird. Der LIB regt sich darüber auf, dass in einem Wandkalender aus der die islamischen Gebetszeiten zu entnehmen sind und von DITIB-Moscheegemeinden verteilt wird, der gescheiterte Putschversuch Erwähnung findet. Über die restlichen Blätter des Wandkalenders - weitere 364 Blätter - sowie über den Putschversuch selbst, der sich heute zum fünften Mal jährt, darüber verliert der LIB aber kein einziges Wort. Absicht?

Worüber schweigt sie sich also geflissentlich aus? Der DIYANET-"Yurt Dışı" - Gebetszeitenkalender gibt erst einmal sehr viele Jahrestage wieder. So u.a. die Ausrufung der Unabhängigkeit von Bosnien-Herzegowina. Auf dem Blatt vom 1. Juli 2021 werden auf dem Blatt der DIYANET-"Yurt Dışı" - Gebetszeitenkalender gleich zwei Ereignisse erwähnt: Die Gründung des Kandilli-Observatorium im Jahre 1911 sowie das Festival der See und Handelswege, der in der Türkei jährlich gefeiert wird. Für den 8. Juli steht im Kalenderblatt der Saadabad-Pakt zwischen der Türkei, Iran, Irak und Afghanistan, der 1937 ratifiziert wurde. Zum 11. Juli findet man einen Eintrag zum Massaker in Srebrenica (1995). Der ganze Kalender wird seit Jahrzehnten genauso und nicht anders gestaltet und jedes Jahr kommen weitere Ereignisse hinzu. Selbstverständlich werden in dem europaweit vertriebenem Wandkalender seit beinahe 30 Jahren auch die türkischen Nationalfeiertage oder der Todestag Atatürks erwähnt. Schließlich war der Gründer der DIYANET auch Atatürk selbst.

Aber der LIB sowie die ständigen Scharfrichter der DITIB, darunter der bekannte Volker Beck oder der noch nicht bekannte Eren Güvercin von der Alhambra, echauffieren sich lieber nahezu zeitnah über den selben einzigen Eintrag im DIYANET-"Yurt Dışı" - Gebetszeitenkalender: Über den gescheiterten Putschversuch. Sie erklären einstimmig, Politik habe in einem religiösen Kalender nichts verloren. Jedoch verlieren sie dabei kein Wort des Bedauerns über diesen einen einzigartigen Tag, der in der Türkei mehr als 350 Menschen das Leben gekostet hat. Das taten sie weder voriges Jahr, noch die Jahre davor. Nicht einmal ein Hauch der Anteilnahme war oder ist zu verspüren, geschweige Denn zu erkennen.

Stattdessen werden die türkisch-islamischen Moscheegemeinden und deren Mitglieder und Besucher in Deutschland aufgrund ihrer Herkunft und Beziehung zur Heimat regelrecht kriminalisiert, entrechtet, entmündigt, weil sie ein Wandkalender in der Küche oder im Wohnzimmer hängen haben, in der der Putschversuch seit 2017 Erwähnung findet. Und wieso? Weil die DIYANET derzeit unter der Regie der derzeitigen türkischen Regierung stehe und mit diesem Blatt aus dem Wandkalender vom 15. Juli und mit dem angeblichen Handlanger, der DITIB in Deutschland, die türkische Gemeinde polarisiere bzw. politisiere.

Wie sehr oder wenig demokratisch die aktuelle türkische Regierung ist, kann man ja gerne diskutieren. Worüber man aber ganz sicher nicht diskutieren braucht ist, dass ein Militärputsch passiert ist und dass das ein einschneidendes Erlebnis für viele der Türken und Türkischstämmigen in Europa und weltweit war. Der Putschversuch galt dabei nicht Erdogan, wie man mantraartig wiederholt, um so den gewählten und amtierenden Präsidenten in Abrede zu stellen. Der Putschversuch galt dem Volk, weil diese den Präsidenten und die Abgeordneten des Nationalparlaments wählen. Das Parlament wurde ebenso bombardiert, wie das Volk, das auf die Straßen strömte.

Was den türkischen Staatsbürgern und Türkischstämmigen noch vom 15. Juli 2016 bezüglich der westlichen Politpromänade, der Berichterstattung der Presse und der jetzigen LIB immer wieder in Erinnerung gerufen wird ist: Ein Westen das gefühlt mehrheitlich weiterhin hinter den Putschisten steht; eine Presselandschaft die türkische Zivilisten als "dumme Erdoğan-Anhänger die sich vor die Panzer werfen" darstellt und die 24 Stunden nach dem gescheiterten Putschversuch sich eher sorgen über die schlechte Behandlung von gefangenen Putschisten machte, als über die unzähligen Todesopfer unter den Zivilisten, die verstümmelt auf dem Asphalt lagen.

Angesichts dessen wollen also der LIB sowie die Konsorten, dass die türkisch-islamischen Moscheegemeinden und Verbände diesen Tag einfach übergehen, nur weil man es jetzt anordnet? Wer sind der LIB sowie diese Konsorten, die sich erdreisten, einer anderen religiösen Vereinigung als Sekte oder Kritiker die Leviten zu lesen? Wer sind sie, die der türkisch-muslimischen Community in Deutschland vorschreiben, wie sie die Religion zu verstehen haben, welchen Wandkalender mit welchen Inhalten vertrieben und aufgehängt gehören? Weshalb will man diesen Tag als Politikum abstempeln, wenn es doch die Menschen in der Türkei an sich betraf, die der islamischen, jüdischen, armenischen oder alevitischen Religion angehören?

Wenn der LIB erwartet, dass die Religionsgemeinschaften sich ihrer Doktrin zu unterwerfen haben, dann hat man offenbar wenig mit der Liberalität gemein, als man ständig vorgibt. Diese Erwartungshaltung kann man sich nur in den feuchten Träumen der LIB, Volker Beck oder Eren Güvercin vorstellen, nicht aber bei Menschen, die sich auch in der Türkei verwurzelt fühlen, Angehörige in der Türkei haben und ihre Wurzeln, Geschichte und Herkunft nicht leugnen wollen.

Dass dieser Militärputsch viele in Deutschland nicht gestört hat, ja manche von ihnen sogar gejubelt haben, zeigt nur, dass die aktuell geheuchelte Sorge um die Demokratie in der Türkei oder Fürsorge für die türkische Gemeinde in Deutschland, nichts mit Liebe zur Demokratie und Vielfalt zu tun hat, sondern vielmehr mit der Zerschlagung bzw. Machtergreifung über die türkisch-muslimische Gemeinschaft in Deutschland, die an ihren Wurzeln, ihrer Kultur und an ihrer Religion sowie an den Gemeinden und Verbänden hängt.

Die meisten Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland reagieren auf solche Heuchelei sehr allergisch und das zurecht! Vor allem dann, wenn eine religiöse Sekte wie der LIB sich seit einiger Zeit ständig an der DITIB profilieren will und sich an ihr seither abarbeitet. Statt sich eine eigene Gemeinde hart zu erarbeiten, zieht es mit populistischen Thesen die Aufmerksamkeit auf sich und verunglimpft dabei diese türkisch-islamische und andere religiöse Gemeinden. Aber der LIB ist es offenbar viel wichtiger sich über einen Eintrag zum Putschversuch zu echauffieren, als mit den türkischen Staatsbürgern und Türkischstämmigen diesen antidemokratischen Putschversuch zu verurteilen, deren Ziel es war, das legitime Volk zu entmündigen. Jetzt erdreistet sich der LIB auch noch, die türkisch-muslimischen Gemeinden und Verbände zu entmündigen, in dem sie ein Wandkalender dramatisiert. Es gibt sicherlich viel an der DITIB oder an der DIYANET zu kritisieren, aber manchmal fragt man sich verwundert, ob hier nicht ein Pathos vorliegt. Dabei kristallisiert sich auch heraus, mit welchen Kombattanten der LIB zur Felde zieht. Das spricht Bände.

Ob der LIB genauso stringent handelt und auch die Jüdischen Gemeinden in Deutschland ins Visier nimmt, von deren Mitgliedern manche Partner der LIB sind und teilweise manche jüdischen Mitbürger ihrer Wehrpflicht in Israel nachkommen oder Millionen an Spendengeldern nach Israel transferieren bzw. die israelische Regierung wählen? Vielleicht setzt sich der LIB erst einmal mit ihren eigenen Partnern in Deutschland auseinander, die sich selbst stark politisch für ein auswärtiges Land betätigen, statt sich mit der DITIB und deren Moscheegemeinden zu beschäftigen, die es seit mehr als 30 Jahren gibt! Sie sollte aufhören, den Menschen in Deutschland einen Bären aufzubinden.