In der "Israel HaYom", einer kostenlos verteilten israelischen Tageszeitung, zeigt man sich erneut besorgt darüber, dass die Türkei sich nicht mehr allein auf den nuklearen Schutzschild des NATO-Bündnisses verlassen will und Ambitionen hegt, selbst Atomwaffen zu entwickeln oder zu erwerben. Natürlich fürchtet Israel eine solche Konstellation wie der Teufel das Weihwasser und deshalb geht man aufgrund der ausgehenden Optionen dazu über, die Türkei als den nächsten "Schurkenstaat" zu zeichnen.
Will man es mit den Worten des deutschen Politik- und Islamwissenschaftlers Michael Lüders ausschmücken, der dies in Bezug zu Iran formulierte, leuchtet es einem eigentlich ein, warum die Türkei - ob im geheimen oder offen - nach den ungesühnten Kriegsverbrechen in Gaza, den Angriffen auf den Iran, Libanon oder Syrien, erst recht Überlegungen unternimmt, Atomwaffen zu entwickeln oder es von befreundeten Staaten wie Pakistan zu erwerben.
... warum nichtexistente Atomwaffen in den Händen von fanatischen Mullahs gefährlicher sein sollen als Atomwaffen in den Händen von rechtsradikalen Großisrael-Ideologen...
Das Problem an den israelischen Erklärungsmustern kann man bereits am iranischen Atomprogramm festmachen: Man kann nicht einmal eine inhärente politisch-moralische Rechtfertigung konstruieren, da man bei näherer Betrachtung nicht plausibel und überzeugend darlegen kann, dass Irans mögliches Streben nach nuklearer Bewaffnung einem Plan zur Vernichtung Israels geschuldet ist. Denn, wie zwischen Russland und den USA, weiß man auch im Iran, dass derjenige, der zuerst mit Nuklearwaffen feuert, als Zweiter stirbt. Israelische Beobachter haben dennoch die Chuzpe, diese türkische Entwicklung auch noch als "besorgniserregend" zu bezeichnen.
Das iranische Regime mag in den Augen der Israelis ein brutales Unrechtsregime sein, es ist aber nicht suizidär und irrational wie die gegenwärtige Netanjahu-Regierung. In einer Geographie, in der Regime von innen wie von außen gestürzt wurden und die ständigen kriegerischen Interventionen durch auswärtige Groß- und Mittelmächte ausgesetzt ist, gibt es Dutzende von rationalen und einleuchtenden Motiven, die das Streben eines regionalen Akteurs nach nuklearer Abschreckung erklären.
Dass der Iran nach Atomwaffen strebe, um Israel zu vernichten, gehört nicht dazu und ist bei Lichte betrachtet nichts weiter als eine seit Jahrzehnten gebetmühlenartig von israelischer Seite vorgetragene Behauptung, die man eher ins Reich der Propaganda verorten sollte, anstatt mit so etwas das Verbrechen eines Angriffskrieges zu relativieren.
Israels Interesse daran, eine mögliche atomare Bewaffnung Irans zu verhindern, folgt keinem "existenziellen Selbstverteidigungsinteresse“, sondern geostrategischen und machtpolitischen Interessen. Auch wir Türken haben kein gesteigertes Interesse daran, dass dieses Regime oder ein anderes in unserer Nachbarschaft nuklear bewaffnet ist. Gilt aber auch für Israels Nuklearwaffen. Das heißt aber noch lange nicht, dass uns oder Teheran hieraus ein Recht zum Kriege erwächst, weder juristisch noch politisch oder moralisch. Das sollte ebenso wenig für Israel gelten.
Langsam, aber sicher kristallisiert sich der eigentliche Hintergrund der seit Jahren anhaltenden antitürkischen Propaganda-Kampagnen des Westens und insbesondere Israels gegen die Türkei heraus. Griechenland, Zypern, Israel und die USA bauen ihre strategische Allianz gegen die Türkei immer weiter aus. Dass in der Presse von NATO-Partnern so offen über mögliche militärische Auseinandersetzungen mit Ankara sinniert wird, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen, aber es passiert jetzt und in einer nie dagewesenen Form - wennschon die Wucht aufgrund des Ukraine-Kriegs gemildert scheint, weil die Türkei aufgrund ihrer militärischen Stärke wie auch geostrategischen Lage zunächst einmal als Sicherheitsreserve warm vorgehalten werden muss.
Es erklärt sich von selbst, dass diese wohlwollende Phase längst verwirkt wäre, wenn die Russen aus der Ukraine vertrieben oder Russland aufgrund der vollumfänglichen Sanktionsmaßnahmen in die Knie gegangen wäre. Angesichts dessen bleibt uns nichts weiter übrig, als unsere Kooperation mit Moskau, China und auch dem Iran deutlich zu vertiefen, zumindest abzuwägen. Und wir sollten ernsthaft darüber nachdenken, ob wir nicht den Atomwaffensperrvertrag aufkündigen und uns so schnell es irgend möglich ist, nuklear absichern. Niemand könnte uns daran hindern!
Ankara hat noch rechtzeitig und unverblümt vor Augen geführt bekommen, wie eine von der US-Diplomatie flankierte regionale Friedensinitiative namens Abraham-Abkommen, mit den maßgeblichen arabischen Akteuren des Nahen Ostens, sowie mit der Türkei eine dauerhafte, neue Statik in der Großregion etabliert werden sollte, ohne dabei die Palästina-Frage mit einzubeziehen. Zeitgleich zur Annäherung Tel Avivs, Kairos, Riads und Ankaras, stand Netanjahu vor der UN-Versammlung und präsentierte irgendwelche Karten, auf denen es schlicht und ergreifend überhaupt kein Palästina mehr gab. Westliche Beobachter besaßen dennoch die Chuzpe, diese Entwicklung auch noch als "Friedensprozess" zu bezeichnen, was Ankara schlussendlich die Augen öffnete.
Wer verstehen will, warum sich Israel stets als einzige Demokratie der Region, als Schutzmacht der Drusen oder der Kurden aufspielt, sollte sich diverse im Netz kursierende Landkarten ansehen. Diese kursieren in israelischen Kreisen und zeigen ein dreigeteiltes Syrien. Suweida ist der südlichste an Jordanien grenzende Zipfel Syriens. Westlich davon liegen die von Israel besetzten Golanhöhen. Israel will auf keinen Fall, dass Suweida unter Kontrolle der Zentralregierung fällt, weil es einen künftigen kurdisch dominierten Korridor teilen würde. Warum Israel jetzt und so massiv auf die Tränendrüsen drückt, wenn es um Drusen und Kurden geht?
Das hat wiederum mit der Entwicklung zwischen Ankara und der kurdischen Terrororganisation PKK zu tun, die ausgerechnet vom türkischen Koalitionspartner MHP und dessen Vorsitzenden Devlet Bahçeli angestoßen wurde. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: ein vom Westen als Nationalist gebrandmarkter Parteichef und Koalitionspartner der amtierenden AKP-Regierung, hält die Hände gen PKK auf und bittet den auf der Gefängnisinsel Imrali eingeknasteten PKK-Chef Abdullah Öcalan, die PKK zur Waffenniederlegung aufzufordern. Für einen "Kurden- und Armenierhasser" verschrieenen Führer einer türkisch-nationalistischen Partei eigentlich ein politisches Selbstmordkommando in der Türkei.
Und dennoch, der Tausendsassa Bahçeli schaffte es, Öcalan trotz der massiven Störfeuer seitens nationalistischer Lager einen Brief abzuringen, der die PKK ermächtigte, sich im Zuge ihres Auflösungsprozesses zu entwaffnen.
Wenn Israel seinen langen gehegten Plan von einem "kurdischen" Vasallenstaat als Puffer inmitten der arabischen, türkischen und persischen Einflusssphäre retten wollte, musste es handeln und den syrischen PKK-Ableger YPG aus diesem Prozess herausreißen, was unerklärlicherweise von der türkischen völkisch-kurdischen DEM-Partei mitgetragen wurde. Dieses israelische Vorgehen mitsamt den ausländischen Randnotizen der völkisch-kurdischen separatistischen Bewegung sowie der DEM wurde aber mit einem neuerlichen taktischen und diplomatischen Manöver seitens Ankaras und vor allem mit Ahmed al-Scharaa als Interimspräsident in Damaskus vereitelt. Deswegen die neuerliche Schnappatmung zu den mutmaßlichen Atom-Ambitionen der Türkei.