Türkei: Aleviten erhalten eigenen Status

von Redaktion, 8 Oktober, 2022

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will mit einer Initiative die alevitische Gemeinschaft in der Türkei institutionalisieren. Gehälter der alevitischen Geistlichen, Strom- und Gasrechnungen soll der Staat übernehmen.

Die von der Regierung angekündigte Initiative hat hierzu ein institutionelles Gremium zusammengestellt, die sich die Angelegenheiten und Probleme der alevitischen Bürger kümmern sollen, erklärte Erdoğan bei einem Besuch des Şahkulu Sultan Cemevi – eines alevitischen Gotteshauses – in Istanbul. Er nahm auch an einer Zeremonie zur Einweihung des neu errichteten Komplexes in dem Cemevi teil und weihte weitere Cemevis in einer großen religiösen Zeremonie ein.

„Wir bauen eine institutionelle Struktur auf, die sich um die Belange der Örtlichkeiten kümmert, an denen alevitische und bektaschische Bürger zusammenkommen“, sagte er.

„Alle Probleme im Zusammenhang mit der Beleuchtung, dem Trink- und Brauchwasser, den Bau-, Reparatur- und Wartungskosten der Friedhöfe werden gelöst werden. Die alevitisch-bektaschischen Glaubensführer, die für die Durchführung der zeremoniellen Gottesdienste in den Friedhöfen verantwortlich sind, werden im Rahmen dieser institutionellen Struktur einberufen“, fügte er hinzu.

In einer Fraktionssitzung seiner regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) am Dienstag, hatte der Präsident erklärt, er werde neue Schritte ankündigen, um den Erwartungen der Aleviten gerecht zu werden, trotz der Versuche, sie gegen das Land aufzuhetzen, so Erdoğan.

„Es gab viele Menschen im In- und Ausland, die aus heimtückischen Motiven versucht haben, unsere nationale Einheit zu untergraben, aber niemand war in der Lage, diese Flamme der Liebe zu löschen.“

Die Regierung hat im Februar dieses Jahres angekündigt, die strukturellen Probleme der Aleviten, die Sorgen und Nöte der Glaubensgemeinschaft direkt vor Ort anzuhören und Lösungen zu erarbeiten. Unter der Koordination der Ministerien für Inneres, Kultur und Tourismus wurden unter anderem alle 1.585 alevitischen Friedhöfe des Landes von Beamten aufgesucht. Dabei wurden die Beamten auf 8.740 Hinweise und Forderungen aufmerksam gemacht, von denen bereits 5.600 abgeschlossen worden sein sollen, berichtet Daily Sabah.

Erdoğan hierzu: „Wir arbeiten Tag und Nacht daran, eine Türkei aufzubauen, in der jeder Einzelne in unserem Land alle seine Grundrechte und Freiheiten wahrnehmen kann, von der Religion und dem Gottesdienst bis hin zu Bildung und Arbeit.“

Die Aleviten, die mit rund 20 Millionen Anhängern die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes bilden, haben eine Liste von Anliegen zu verschiedenen Themen, darunter die öffentliche Anerkennung ihrer Identität, der rechtliche Status der Cemevis und die Finanzierung sowie das Vorrecht der alevitischen Schüler, vom obligatorischen Religionsunterricht in Grund- und Oberschulen ausgeschlossen zu werden.

Die Cemevis werden derzeit als Stiftungen betrachtet, die dem Innen- und dem Kultur- und Tourismusministerium unterstehen, und nicht als Gotteshäuser anerkannt, was sie rechtlich dazu berechtigen würde, wie Moscheen, Kirchen und Synagogen anerkannter religiöser Minderheiten im Lande staatliche Mittel zu erhalten. Etwa 80 % bis 90 % aller Friedhöfe im Land wurden unter den aufeinanderfolgenden Regierungen der AK-Partei seit 2002 gebaut.

Der alevitische Glaube wird als eine Kombination aus dem schiitischen Islam, dem Bektaschi-Sufi-Orden und der anatolischen Volkskultur erklärt und nicht als eigenständige Religion.

Im Jahr 2009 wurde während der Amtszeit des damaligen Premierministers Erdoğan die erste alevitische Initiative ins Leben gerufen. Alevitische Führer und Vertreter nahmen über einen Zeitraum von sechs Monaten an mehreren Workshops mit der Regierung teil. Später im Jahr 2011 entschuldigte sich Erdoğan im Namen des türkischen Staates in beispielloser Weise für die Tragödie von Dersim im Jahr 1937, bei der 13 806 Menschen nach einer Militäraktion getötet wurden, nachdem sich die mehrheitlich alevitischen Zaza-Kurdenstämme gegen das 1934 von der Republikanischen Volkspartei (CHP) während des Einparteienregimes verabschiedete Umsiedlungsgesetz gewehrt hatten.

Kommentar