Islam und Deutschland - Die vordiktierte Vielfalt

von Nabi Yücel, 14 August, 2022

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) kündigte an, an der Deutschen Islam Konferenz DIK festhalten zu wollen. Für sie persönlich und der Regierung habe das muslimische Leben in Deutschland eine große Bedeutung, erklärte Faeser noch Ende Januar. Davon ist aber nach wie vor nicht viel zu spüren. Im Gegenteil!

Anfang des Jahres sprach Faeser von einer Deutsche Islamkonferenz DIK, in der „die vielfältigen Stimmen der Muslime“ zusammen kommen. Vor allem die Teilhabe von Musliminnen und Muslimen stehe dabei im Fokus, und natürlich der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland. Ausgeblendet wurde dabei die Tatsache, dass den größten muslimischen Verbänden weiterhin Steine in den Weg gelegt werden; um sie sozusagen auf Länderebene an der kurzen Leine zu halten.

Das Land Hessen wollte z.B. die Gestaltung des Islamunterrichts selbst in die Hand nehmen und kündigte kurzerhand die Kooperation mit dem hessischen Landesverband DITIB. Der türkisch-muslimische DITIB-Verband wehrte sich dagegen und konnte im Juni in zweiter Instanz erfolgreich ihr Recht zum bekenntnisorientierte Religionsunterricht durchsetzen. Musste das sein? Ist dass die Teilhabe der vielfältigen Stimmen der Muslime, von der Faeser sprach? Und überhaupt; hat der Bund eigentlich das Recht, sich in staatliches Verhalten zu den Kirchen und Religionsgemeinschaften einzumischen, die eigentlich nach Grundgesetz den Ländern obliegt?

Die einzelnen Bundesländer haben bislang keinem der muslimischen Verbände die Körperschaft anerkannt. Das liegt auch daran, dass die Verbände selbst dem zwiegespalten gegenüber stehen. Einerseits wollen viele Moscheeverbänden eine Mitgliedschaft anbieten, wie man sie in anderen Religionsgemeinschaften vorfindet. Andererseits haben sich viele ständigen Moscheebesucher dieser Verbände und Gemeinden nicht wirklich damit auseinandergesetzt, sich als Mitglied einzutragen. 

Die Mehrheit der türkischen Muslime z.B., besucht zwar regelmäßig die Moschee, vor allem an religiösen Feiertagen, aber eine Mitgliedschaft besitzen nur die wenigsten. Vielmehr nehmen sie das Angebot wahr und beteiligen sich dabei ungefragt mit einer regelmäßigen oder unregelmäßigen Spende am Gemeindeleben. Das heißt, der türkische Muslime zieht den praktischen Nutzen und spendet dabei. Diese Praxis hat sich in der Türkei bewährt und wird auch hier so umgesetzt; quasi Gewohnheitsrecht.

Was aber in der Türkei normal ist, stößt in Deutschland auf praktische Probleme: der Sterbefall. Schon seit geraumer Zeit hat der DITIB dieses Problem erkannt und bietet eine Art Versicherung für den Sterbefall an. Der Abschluss einer Versicherung sorgt dafür, dass man nach dem Ableben nach religiösen Riten bestattet wird. Das wiederum findet regen Zulauf, je Älter die zweite bzw. dritte Generation wird.

Wie man sieht, finden die Religionsgemeinschaften selbst praktische Lösungen, die der Kultur und Religion entspricht. Wie will aber ein Bund, wie wollen die Bundesländer diesem Anspruch gerecht werden? In dem Sie vorgreifen?

Wenn ein Rassist mit "muslimischen Namen" das Bundesverdienstkreuz bekommt, weil er angeblich außerordentliches geleistet hätte, dann wird man dem eigenen Wünschen und Vorgaben, schon gar nicht der muslimischen Teilhabe gerecht. Vor allem dann nicht, wenn dieser Kreuzträger ständig gegen den Islam und die muslimische Gemeinschaft polarisiert und der Politik das geliefert hat, was antimuslimische Rassisten ohne "muslimischen Namen" sich sehnlichst wünschen.

Das erkennt man auch an den unzähligen Klagen islamischer Theologen der angestammten muslimischen Verbände. So erklären sie einstimmig, dass die letzte Einladung, die man als Teilnehmer einer Konferenz, eines Forums oder schlichten Treffens auf höchster politischer Ebene hatte, Jahre zurückliegen. 

Dabei geht es nicht einmal mehr um eine aktive Teilhabe, sondern nur darum, dass man als passiver Teilnehmer, also als Zuhörer und ohne Einladung, sich selbst darum bemühen muss, einen der hintersten Stühle zu besetzen. Die letzte Einladung zu einer Veranstaltungen, also nicht einmal mehr einer akademischen, sondern politisch motovierten Veranstaltung, liegt bei vielen die man darauf anspricht, Jahre zurück. Viele sprechen gar von einer bewusst ausgewählten Teilnehmerschar, die mehr Schein als Sein sei. Die Fassade, die Faeser aufbauen will, bröckelt zusehends, aber nicht erst seit ihrer Amtsübernahme, sondern schon seit Jahren.

Wie so eine Veranstaltung, die vom Staat gefördert und angeregt wird, dann verläuft, erzählt ein passiver Teilnehmer so:

In dieser Veranstaltung in Mannheim war das Spektrum von Muslimen breit angelegt, jedoch war diese Vielfalt mehr eine Täuschung als Realität. Es war eine vom Staat geförderte Veranstaltung, zu der viele Minivereine und Einzelpersonen teilnahmen, die - mit wenigen Ausnahmen - entweder darauf aus waren Kontakte für ihre Karriere zu knüpfen oder schon Dank solcher Kontakte vom Staat gefördert wurden. Ich sage das genau so, da ich viele der Teilnehmer von nah oder fern kannte. Zudem waren Vereine und Personen dort, die sich gegenseitig im wirklichen Leben nur die Pest wünschten, aber sich dort eine notgedrungene Harmonie aufgezwungen haben.

...Das ganze Wochenende sprach man über die "Muslimische Community", wie wichtig es doch sei zusammenzuhalten. Man sprach über eine einheitliche Stimme der Muslime, das diese stärker werden sollte, über die Wichtigkeit der politischen Präsenz der Muslime usw. Gegen Ende der Veranstaltung platzte mir die Geduld und ausgerechnet ich, der in solchen Veranstaltungen eher ruhig beobachtet als mit Mikrofon seine Stimme erhebt, nahm das Mikro und verwies darauf, wie toll es doch sei, über einen Zusammenhalt der "Muslimischen Community" zu sprechen, jedoch nicht ein einziger aktiver Teilnehmer aus den hiesigen großen Religionsgemeinschaften dabei sei. Keine Diskutanten, keine Redner. Das ganze Gefasel übers Wochenende über Zusammenhalt und Community hinter den Rücken der großen Gemeinschaften! Lediglich ein Landeskoordinator der DITIB war wie ich ein passiver Teilnehmer, der meine Kritik entsprechend mit lautem Applaus begrüßte, da auch ihm dieser Widerspruch nicht entgangen war...