Wie viel kurdischen Nationalismus verträgt Diversität?

von Nabi Yücel, 27 Dezember, 2021

Die kurdisch-jesidisch-stämmige Aktivistin Ronya Othmann will die türkisch-islamischen Verbände wie die DITIB mit ihrer Meinungsdiktatur in die Monotonie zwängen, die sie als Diversität verkauft.

Als vor mehr als 200 Jahren inspiriert von griechischen Intellektuellen und Kaufleuten in der Diaspora der revolutionäre Freiheitskampf der Griechen gegen die osmanische Herrschaft begann, verkauften sich die Revolutionäre trotz der Grausamkeiten an der hauptsächlich muslimischen Bevölkerung als Freiheitskämpfer.

Als vor 146 Jahren in Bulgarien der revolutionär-nationalistische Aprilaufstand ausbrach, folgte diesem nur wenige Wochen später der Russisch-Osmanische Krieg. Als Folge davon traten Hunderttausende Muslime die Flucht vor den nationalistischen Slawen nach Anatolien an.

Als 1914 der 24-jährige serbische Nationalist Gavrilo Princip den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie erschoss, brach der Erste Weltkrieg aus und damit eine beispiellose Völkerwanderung aufgrund von Grenzziehungen mit dem Bleistift.

Als 1978 der kurdische Nationalist Abdullah Öcalan mit 24 weiteren Mitstreitern die PKK gründete, um ein „demokratisches autonomes Kurdistan“ zu errichten, konnte niemand erahnen, dass diese Revolutionäre eine Organisation ins Leben gerufen hatten, die weltweit als eines der aktivsten Terrororganisationen gilt, auf deren Konto bisher mehr als 40.000 Menschenleben gehen.

Von der Forderung, ein „demokratisches autonomes Kurdistan“ zu gründen, hat die PKK seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges Abstand genommen. Nunmehr gilt die Devise, innerhalb der bestehenden Staatsgrenzen der Türkei eine eigene „nichtstaatliche Administration“ zu fordern. Nicht ohne Hintergedanken, denn ein Nationalstaat in Nordsyrien ist Dank westlicher Hilfe zum Greifen nahe.

All diese „Revolutionen“ haben eins gemeinsam: europäische Intellektuelle, die diesen Nationalisten zu Hilfe eilten, in dem sie deren „Freiheitskampf“ romantisch verklärten, um damit eine politische oder militärische Intervention zu erreichen.

Im Ergebnis waren all diese „Revolutionen“ und Befreiungen vom „Türkenjoch" blutig. Nicht nur Türken, auch Muslime oder Juden wurden Opfer dieser völkischen Bewegung im Balkan oder in Griechenland. Noch heute gedenkt man in Griechenland, Bulgarien oder Serbien der Geschichte der Revolution vor allem entlang von siegreichen Schlachten und ihrer Helden - aber auch in Europa verfallen diese Völker jährlich in Euphorie, ohne dass darüber Debatten losgetreten werden. Dabei dominiert das Narrativ von Jahrhunderte alter grausamer Türkenherrschaft, aus der sich die angeblich kulturell überlegenen Völker befreit hätten. In Bezug zur völkisch-kurdischen PKK ist es die angebliche Überlegenheit in Bezug zur demokratischen Mitbestimmung, Gleichheit der Völker oder Frauenrechte, was in Europa Intellektuelle und Politiker begeistert.

In der Zwischenzeit hat die türkische Führung den Bewegungsspielraum der PKK in der Türkei drastisch eingeengt. Zudem winkt die Türkei mit Straffreiheit, wenn man als „Freiheitskämpfer“ im „Freiheitskampf“ sich nicht viel zuschulden kommen ließ, was viele dankend annehmen. Viele „Freiheitskämpfer“, die mit ideologischem Eifer sich für den sogenannten „kurdischen Kampf“ in Syrien oder Irak verpflichtet haben, ziehen nüchtern wieder ab, um in relativer Sicherheit und in freier Ausübung der kurdischen Kultur in der Türkei zu leben.

Mit ein Grund sind auch die terroristischen blutigen Aktivitäten, die die PKK nicht nur in der Türkei, sondern vor allem in Nordsyrien oder Nordirak ausübt und dabei zwischen Zivilbevölkerung und militärischen Kräften keinen Unterschied mehr macht. Wer „Rojava" oder „Kurdistan“ nicht im Sinne der PKK versteht, der gilt als Feind und wird ausradiert. Auch unter Landsleuten räumt die PKK auf, wenn sie politisch wie ideologisch nicht auf gleicher Wellenlänge sind.

Vor allem in „Rojava" in Nordsyrien stehen andere Ethnien und Religionen unter enormen Druck. Nach der ethnischen Flurbereinigung werden die restlichen Araber, Aramäer oder Assyrer der völkisch-kurdischen Ideologie unterworfen. Das geht sogar so weit, dass die christlichen Minderheiten unter Druck gesetzt werden, ihre eigenen religiösen Bildungspläne in Schulen nach „kurdischen“ Maßstäben neu zu ordnen. Dagegen wehren sich zwar die christlichen Minderheiten, was aber mit Entführung, Morddrohungen oder gar Mord von Notablen vergolten wird.

Warum erzähle ich das? Mir kann eine Ronya Othmann noch so oft mit Humanismus, Demokratie und Menschenrechten kommen! Solange Othmann sich als Aktivistin ausschließlich kurdischen oder jesidischen Befindlichkeiten zuwendet und dabei andere Minderheiten und deren tragischen Geschichten der Vergangenheit instrumentalisiert, bleibt sie für mich eine astreine völkisch-kurdische Nationalistin, die aus der Diaspora heraus mit Gleichgesinnten einen Nationalstaat oder zumindest eine Autonomie anstrebt, die unter dem Namen „Demokratie“ firmiert, wie die SDF bzw. YPG in Nordsyrien als Ableger der PKK firmiert wurde.

Solche Aktivisten wie der Grieche Nikolaos Skoufas, der Bulgare Wassil Lewski oder der Serbe Gavrilo Princip haben zwar als Revolutionäre ihren Brüdern und Schwestern die Freiheit gebracht und einen Nationalstaat erschaffen, aber stets auf Kosten von Hunderttausenden Menschen - Türken und Muslimen. Ihre Revolutionen scheiterten nicht, weil sie es den Interventionen der Großmächte zu verdanken haben. Ein Abdullah Öcalan ist im revolutionären Kampf zwar kläglich gescheitert, aber seine Jünger treiben den Kampf dank lascher europäischer Terrorbekämpfung fort - nicht nur in der Türkei, sondern vor allem in Nordsyrien und im Nordirak.

Ronya Othmann ist eine Nationalistin wie jeder Türke in einer Ditib, deren Kind am Nationalfeiertag die Helden des Freiheitskampfes ehrt, der in Deutschland seine Herkunft nicht verleugnet oder aufgrund seiner Staatsangehörigkeit pflegt, wie jede andere Ethnie in diesem Land, dessen Hintergrund in Griechenland, Serbien oder Bulgarien liegt. Diese Türken, ob in der Ditib oder anderen türkisch-islamischen Verbänden, sind Nationalisten wie jeder Kurde, der in Deutschland nach „Rojava" und „Kurdistan“ frönt, dabei mitunter der PKK tatkräftig hilft, deren Verbot in Europa untergräbt oder zumindest deren Treiben gutheißt bzw. nicht kommentiert. Der einzige Unterschied ist, dass die Türken ein souveränes Land ihr Eigen nennen können, während völkische Kurden noch dabei sind, es mitunter mit terroristischen Mitteln im Ausland oder mit Straftaten in Europa zu erreichen.

Nicht unerwähnt bleiben darf dabei, dass sich diese völkisch-kurdischen Idealisten in Europa in kurdische Festivals karren lassen - so in Köln, Düsseldorf oder Mannheim, in der sie in Ekstase geraten, wenn die „Freiheitskämpfer“ aus dem Fernen in Kampfmontur in Livestreams eine euphorische Ansprache halten. Oder wohnen mit tatkräftiger Unterstützung der AStA in Aulas von deutschen Universitäten Ehrungen bei, die zu Ehren von völkisch-kurdischen Märtyrern jährlich abgehalten werden. Kein Wunder, wenn dann linke Aktivisten durch die Schauermärchen der völkisch-kurdischen Vereine und Notablen dazu übergehen, den Türken eins auszuwischen, während die hartgesottenen völkischen Kurden selbst nicht davor zurückschrecken, gleich die ganze Bude mitsamt Türken in Brand zu setzen oder nach völkischer Manier einer Tracht Prügel zu verpassen. Deshalb ist das schon relativierend und gleichzeitig entlarvend, wenn Othmann zu Leipziger Ditib-Moschee ein „aber“ setzt.

Folglich wäre es doch recht interessant, wie Ronya Othmann selbst zur kurdisch-nationalistischen PKK steht, in deren Reihen auch Jesiden kämpfen, die in Nordsyrien ihr Unwesen auf Kosten anderer Minoritäten austrägt oder im Nordirak inzwischen die kurdischen Peschmergas bekämpft. Weshalb hat sich die Dame nicht öffentlich für die sogenannte Diversität eingesetzt und die Kurdische Gemeinde Deutschland oder die Jesidische Gemeinde aufgefordert, sich den unbequemen Wahrheiten zu stellen, die die Gegenwart zu bieten hat, statt sich einseitig mit der Vergangenheit der Türken zu beschäftigen?

War es denn nicht die Führung der Kurdischen Gemeinde Deutschland oder Mitglieder der Jesidischen Gemeinde, die die Bundesregierung mit weiteren Vereinen und Notablen sowie fadenscheinigen Begründungen aufforderten, die Verbotsverfügung gegen die völkisch-kurdische - wie vor 24 Jahren Uwe Klußmann im SPIEGEL diese „völkischen Freiheitskämpfer“ nannte - PKK aufzuheben? Und dieselben kurdischen bzw. jesidischen Gemeinden und Mitglieder fordern zeitgleich das Verbot von bestimmten türkischen Gemeinschaften oder gar die politische Ächtung islamischer Verbände aufgrund ihrer sogenannten Verbindungen zur Türkei? Gehts noch?

Offenbar sieht Ronya Othmann in diesem Spagat zwischen kurdischer nationalistischer Ideologie und Adaption westlicher Verklärung von Freiheit und Selbstbestimmung kein Problem, was auch aufgrund der Vergangenheit Europas nicht verwunderlich ist. Darum vermeidet sie es auch tunlichst, hier das Bindeglied beim Namen zu nennen: Sie und viele völkisch-nationalistische Kurden selbst, die in diesem Milieu hier und jetzt für ihr eigenes Freiheitsdenkmal hinarbeiten und dabei Diversität auf Kosten der Türken und deren Institutionen missbrauchen, die einer souveränen, rechtlich einwandfreien, selbstbestimmten Basis entstammt.

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