NATO-Mitglieder und die völkisch-kurdische Terrororganisation

von Nabi Yücel, 18 Mai, 2022

Kaum meldet die Türkei Bedenken zu NATO-Beitrittsgesprächen mit Schweden und Finnland, beziehen mehrere europäische Nationen unmissverständlich Position. Offensichtlich fühlen sich manche dabei ertappt, mit Terrororganisationen verbandelt zu sein.

Jetzt, wo Recep Tayyip Erdoğan die Katze aus dem Sacke gelassen hat - so jedenfalls der Grundtenor der deutschen, schwedischen oder finnischen Mainstream-Medien - haben mehrere NATO-Mitglieder Atemnotsprobleme: Schnappatmung.

Ist auch nicht verwunderlich! Jahrelang haben Deutschland, Niederlande, Italien, Frankreich, Schweden oder Finnland alle gutgemeinten Ratschläge, alle scharfen Noten, alle Warnungen in den Wind geschlagen, die die europäischen Medien geflissentlich übergingen und dabei unterstützten. Den Mainstream-Medien ist es auch jetzt nicht möglich, sich mit Erdoğan entsprechend qualifiziert auseinanderzusetzen, ohne anti-türkische Ressentiments zu bedienen. Was oder wen bedienen die eigentlich?

Nun ist Erdoğan laut dem Mainstream wieder jener, der zwei mustergültige skandinavische Länder Putin zum Fraß vorwirft?

Moment! Die USA, Deutschland, Frankreich und weitere europäischen Länder, unterstützen die völkisch-kurdische Terrororganisation PKK bzw. deren syrischen Arm (YPG / PYD) seit Jahrzehnten. Die Türkei wurde also mutwillig einer bewaffneten, gewalttätigen Terrororganisation ausgesetzt. Die Türkei hatte und hat weiterhin hiergegen nicht wirklich eine Handhabe, weil diese Länder bereits in der NATO sind. Zwar hat die Türkei seither auch hier stets interveniert, aber so recht zugehört oder zu Herzen genommen hat es keiner in diesem Club. Den Türken - und das kommt erschwerend hinzu - ist auch der Beitritt Griechenlands und deren Haltung zur PKK noch frisch in Erinnerung - damals ließ man sich überreden, ohne schriftlich festhalten zu lassen, was versprochen wurde. Nach wie vor sind diese Länder von der PKK belaust und damit auch Träger auf andere im Club - auch der Türkei.

Ist es überraschend, wenn die Türkei jetzt weitere Wirte nicht in den Club einschleusen lassen will, bevor sie sich entlaust haben? Zumindest eine Quarantäne-Zeit bekommen?

Ann Linde und die Demenz

Mal im Ernst! Zuletzt Oktober 2020 - da hatte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu seine schwedische Amtskollegin Ann Linde vor dem Presseaufgebot in Ankara gerade wegen diesen Bedenken zur Schnecke gemacht - so etwas kann Linde nicht vergessen haben. Sie war ja während der Pressekonferenz wie geteert und gefedert!

Gegenwärtig behauptet Ann Linde dennoch trotzig, man habe mit Ankara nie Probleme gehabt, sei immer nett empfangen worden, hätte türkischen Mokka geschlürft. Habe die Türkei bisher einem NATO-Beitritt positiv gegenübergestanden. Das kann Ann Linde ihren Schäfchen erzählen!

Tja, irgendwann holen einen die Sünden wieder ein. Während also Ankara bei der Terrorbekämpfung in Syrien wie auch in Nordirak auch von NATO-Mitgliedern genötigt wurde, Bodentruppen zu entsenden, um sich einen langwierigen bewaffneten Kampf zu liefern, waren NATO-Mitgliedsstaaten damit beschäftigt, ihre Fahnen auf Vertretungen in „Rojava“ zu hissen. Die schwedische Fahne wurde erst kürzlich gehisst, nach dem man der hiesigen Terrororganisation fast 400 Millionen US-Dollar versprochen hatte. Wann wollte man eigentlich als Verteidigungsbündnis bei diesem Tempo die Volksrepublik „Rojava“ in die NATO aufnehmen?

Vom El Presidente zum El Comandante

Erdoğan hat nun wieder einmal - erst behutsam, dann im Klartext - den NATO-Mitgliedern seine Bedenken geäußert. Erdoğan ist damit nicht allein. Das türkische Volk insgesamt ist sich diesem Club genauso überdrüssig wie seine Volksvertreter im Parlament. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, die NATO mal kräftig durchzuschütteln, in der Hoffnung, sie mögen zur Besinnung kommen. Das wird El Presidente, jetzt aufgestiegen zum El Comandante, sich auch nicht entgehen lassen, das durchzuziehen.

Denn, gestern noch erklärte Erdoğan, „Dünya beşten büyüktür!“ (Die Welt ist größer als fünf!)! Gegenwärtig führt Erdogan die gesamte NATO am Nasenring durch die öffentliche Manege, während einzelne Mitglieder bemüht sind sich auf Hochglanz zu polieren und die Kette zu kaschieren, an der sie dabei geführt werden.

Es ist nur eine Frage der Zeit, welche Zugeständnisse Schweden und Finnland, vielleicht auch das eine oder andere Mitglied gegenüber der Türkei auf Papier bringen werden müssen. Erdogan wird sich jedenfalls nicht mit Versprechungen abspeisen. Und dabei kann Erdogan auf das Volk sowie die Mehrheit des Parlaments setzen und auch noch seinen von der NATO in die Hand gegebene Trumpfkarte für die kommende Wahl ausspielen. Je früher also die NATO sich diesem Fehler bewusst wird, zur Besinnung kommt, sich entlaust, desto eher ist dieser Zug von Erdogan vergessen - nicht wahr?

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