Das lange Schweigen von Kahramanmaraş

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Manchmal sind die interessantesten Fragen nicht die, die gestellt werden. Sondern die, die seit Jahren nicht gestellt oder hinterfragt werden durften. Der Tod von Muhsin Yazıcıoğlu gehört zu diesen Fragen. Nedim Şener, Oppositionsjournalist und ehemaliger Angeklagter in den Ergenekon-Prozessen zwischen 2007 und 2013, betrachtet den Fall von seiner Warte aus und beschuldigt nicht nur die Gülen-Sekte, bis zum Schluss die Aufklärung der Todesumstände namhafter Persönlichkeiten, verhindert zu haben.

17 Jahre lang wurde in der türkischen Öffentlichkeit über alles diskutiert: über Wahlen, über den Putschversuch, Gezi-Proteste, Verfassungsänderung, Ergenekon, Vorschlaghammer, FETÖ (Fetullahistische Terrororganisation), Syrien, Israel, Russland oder Amerika. In den letzten 20 Jahren kam die Türkei immer weniger zur Ruhe und entsprechend viel wurde diskutiert. Aber sobald der Name Muhsin Yazıcıoğlu fiel, wurde es merkwürdig still. Als hätte jemand den Ton heruntergedreht.

Was ist am 25. März 2009 in Kahramanmaraş passiert? Ein Hubschrauber stürzt in einer abgelegenen Region ab. Suchmannschaften werden an falsche Orte entsendet. Aus dem Wrack des Hubschraubers verschwinden derweil Geräte, damit auch Beweise - womöglich wird ein Überlebender Journalist getötet. Daraufhin wandern die Akten von Behörde zu Behörde, Staatsanwälte kommen und Ermittler werden eingesetzt, aber schnell wieder versetzt. Die Akten werden schließlich geschlossen, dann wieder eröffnet, weil ein übereifriger Staatsanwalt Ungereimtheiten feststellt. Zwar werden Zeugen vernommen, aber schweigen dann wieder. Die Liste der Ungereimtheiten würde selbst Aktenberge füllen.

Und damit wird die Öffentlichkeit im glauben gelassen, dass all dies nichts weiter als eine Aneinanderreihung unglücklicher Zufälle war. Jedoch, Zufälle scheinen in der Türkei ein erstaunliches Organisationstalent zu besitzen. Noch bemerkenswerter ist etwas anderes.

Immer dann, wenn in den vergangenen Jahren von einer möglichen Verbindung zwischen den Ereignissen um Hrant Dink, der Fethullah Gülen-Sekte innerhalb von Polizei und Justiz und dem Tod Muhsin Yazıcıoğlus gesprochen wurde, entstand eine eigentümliche Nervosität. Warum eigentlich? Das hinterfragt Nedim Şener nicht erst seit seiner Verhaftung, Inhaftierung und Verurteilung im Jahre 2010, sondern schon davor, als er über die Gülen-Sekte berichtet.

Wenn seine Verhaftung und Verurteilung in Zusammenhang mit Berichten und einem Buch über die Gülen-Sekte zusammenfällt, wenn die Ermordung von Hrant Dink, worüber Nedim Şener ebenfalls berichtete, wenn der Fall von Muhsin Yazıcıoğlu ein gewöhnlicher Unfall war, müsste jede neue Untersuchung doch willkommen sein!

Doch stattdessen entstand häufig der Eindruck, als seien nicht die Ermittlungen das Problem, sondern die Ermittler und ermittelnden Staatsanwälte selbst. Das erinnert an ein altes türkisches Sprichwort: "Der Dieb ärgert sich nicht über das Licht. Er ärgert sich über die Lampe."

Nedim Şener vertritt seit Jahren die These, dass die eigentliche Geschichte nicht beim Hubschrauberabsturz beginnt, sondern bei einem Netzwerk aus Einfluss, Schutz und Vertuschung zusammenläuft. Seine Argumentation ist einfach:

Wenn dieselben Strukturen beim Mord an Hrant Dink auftauchen, wenn dieselben Namen im Justizapparat, dieselben Methoden und dieselben institutionellen Schutzmechanismen immer wieder in Erscheinung treten, dann sollte man zumindest die Möglichkeit ernst nehmen, dass hier mehr vorliegt als bloßes Behördenversagen.

Ob diese These am Ende juristisch bewiesen wird, bleibt Aufgabe der Justiz. Genau hier wird es jetzt interessant. Denn plötzlich steht ein Name im Zentrum der Debatte: Akın Gürlek, seit Februar 2026 Justizminister der Türkei.

Für seine Gegner ist er ein Symbol politischer Justiz, ebenso für die Europäische Union, die erst jüngst den Türkei-Bericht des Europäischen Parlament veröffentlichte und Gürlek zum ersten Mal seit Beitrittswunsch der Türkei namentlich negativ erwähnt. Alles Zufälle?

Für seine Unterstützer, für Nedim Şener und andere Ergenekon- oder Vorschlaghammer-Geschädigte ist er ein Symbol des Kampfes gegen jenes Netzwerk, die über Jahre unangreifbar wirkte.

Die Ironie ist offensichtlich. Jahrelang hieß es, die Justiz müsse unabhängig arbeiten. Nun wird der Fall auf Geheiß Gürleks wieder neu aufgerollt und sogar ausgeweitet, Aktenberge werden aus Kahramanmaraş nach Ankara verfrachtet und neu zusammengeführt, die etlichen Verfahren erneut betrachtet – und plötzlich fragen erneut die selben Kreise, ob das überhaupt zulässig sei oder werfen dem Justizminister politische Justiz vor.

Man könnte fast meinen, manche Kreise lieben unabhängige Ermittlungen. Solange sie nicht in die falsche Richtung führen oder die falschen im Visier stehen! Noch bemerkenswerter ist die politische Doppelmoral.

In den Jahren, als Gülen-nahe Staatsanwälte und Polizeikader Akten manipulierten, Menschen kriminalisierten und ganze Verfahren steuerten, galt vielen westlichen Beobachtern dies als Ausdruck eines mutigen Schritts, um den verkrusteten tiefen Staat zu zerschlagen.

Als später dieselben Strukturen als Teil einer organisierten Parallelstruktur beschrieben wurden, weil zuletzt deren Putschversuch scheiterte, verschwanden viele der damaligen Applaudierer auffallend schnell von der Bühne und ihre türkischen Kommentatoren entsorgten sich samt der Gülen-Sektenmitglieder selbst ins Ausland, vornehmlich in die Europäische Union - übrigens, die Black-Box der Gülen-Sekte wird ja von der Bundesregierung gedeckt!

Manche Kommentatoren wirken heute wie Investoren, die plötzlich vergessen haben, welche Aktien sie gestern noch voller Begeisterung empfohlen hatten. Und genau deshalb bleibt der Fall Yazıcıoğlu politisch so brisant, richten sich die Blicke auf die Europäische Union und deren gegenwärtige Gebaren gegenüber der Türkei.

Es geht längst nicht mehr nur um einen Hubschrauber, um Hrant Dink oder die Morde im Zirve-Verlag. Es geht um eine viel größere Frage:

Kann ein Staat die Wahrheit über Ereignisse ans Licht bringen, wenn Teile seiner eigenen Institutionen unter der Kontrolle der Gülen-Sekte daran beteiligt waren und diese Wahrheit jahrelang vertuschen konnten? Kommt ein Staat der Wahrheit näher, wenn die Mitglieder der Europäischen Union, strafrechtlich gesuchte Sektenmitglieder von Fethullah Gülen der türkischen Justiz übergibt?

Das ist die eigentliche Nagelprobe. Nicht für die Regierung. Nicht für die Opposition. Nicht für einzelne Staatsanwälte. Sondern für die Glaubwürdigkeit des gesamten türkischen Rechtsstaats und der Europäischen Union.

Denn am Ende wird die Geschichte nicht danach urteilen, wer die lautesten Reden gehalten oder die tiefbesorgten Berichte verfasst hat. Sie wird danach urteilen, wer bereit war, auch dort nachzuforschen, wo die Antworten unbequem wurden.

Muhsin Yazıcıoğlu ist tot. Hrant Dink ist tot. Viele Beteiligte sind längst verschwunden, pensioniert, versetzt oder verstorben. Doch die offenen Fragen leben mit ihren Angehörigen weiter. Und manchmal sind offene Fragen und das Wissen der Angehörigen gefährlicher als jede Antwort. Weil sie eine unangenehme aufwirft:

Vielleicht bestand das größte Problem nie darin, dass etwas geschah, sondern darin, dass zu viele Kreise dafür sorgten, dass niemand erfährt, warum und wieso diese Persönlichkeiten sterben mussten.