Es gibt Sätze, die man sich für die Ewigkeit aufheben sollte. Einer davon stammt von Ekrem İmamoğlu (CHP), anno 2020, frisch im Amt als Oberbürgermeister von Istanbul, voller Tatendrang:
“2021’in 6. ayında başlar hale getireceğiz. 4 yılda bitecek.”
Im Juni 2021 sollte es losgehen, vier Jahre später, also spätestens Mitte 2025, sollte man mit dem HızRay (Express-U-Bahn Linie) durch Istanbul rasen können – von Beylikdüzü bis zum Flughafen Sabiha Gökçen, 74,5 Kilometer, 13 Stationen, ein Tunnel unter dem Bosporus, der die Stadt endlich zusammenhalten würde wie ein guter Schal im Winter.
Es ist jetzt 2026. Es gibt keinen Tunnel. Es gibt keine Baustelle. Es gibt nicht einmal ein Loch im Boden, das man als “symbolischen ersten Spatenstich” verkaufen könnte – und Istanbuls Bürgermeister sind in der Kunst des symbolischen Spatenstichs durchaus geübt. Was es gibt, ist eine Machbarkeitsstudie. Fertig.
Natürlich, wenn er eingeknastet worden ist, kann ja nichts laufen, sonst wäre alles längst gebaut und in Betrieb, nicht wahr?
Die Kunst, ein Projekt zu Tode zu loben
Man muss İmamoğlu eines zugutehalten: Er hat eine echte Begabung dafür, ein Projekt sprachlich so aufzuladen, dass man am Ende fast vergisst zu fragen, ob es auch existiert.
Der HızRay war nicht einfach eine U-Bahn-Linie. Er war “ein Sternprojekt für die Lebensqualität der Istanbuler”. Er sollte mit “100 Kilometern pro Stunde” durch die Stadt rauschen, alle drei Flughäfen verbinden und gleichzeitig – man höre und staune – den Verkehr entlasten. Sechs Milliarden Dollar sollte das kosten, hieß es 2020.
2024, mitten im Kommunalwahlkampf, wurde es dann richtig unterhaltsam. Sein Herausforderer Murat Kurum hielt İmamoğlu freundlich den Spiegel vor: Fünf Jahre Amtszeit, keine einzige neue U-Bahn-Ausschreibung, und der HızRay, der in vier Jahren fertig sein sollte – nicht mal angefangen.
İmamoğlus Antwort auf die Frage, warum der versprochene neue Bosporus-Übergang nach fünf Jahren immer noch nicht existiert, war so erfrischend ehrlich, dass man fast Mitleid bekommt: Er könne sich an das Versprechen nicht erinnern. Eine Amnesie, die bemerkenswert selektiv ausfällt, wenn man bedenkt, wie oft er den HızRay in eigenen Reden zitierte, bevor er ihn offenbar wieder vergaß. Übrigens, diese Amnesie wirkt bis heute während der Befragung vor Hohen Gerichten.
Wenn das Versprechen größer ist als die U-Bahn-Karte
Das eigentlich Schöne am HızRay ist, dass er in guter Gesellschaft weiterer unerfüllter Vorhaben steht. Da war das Versprechen, das U-Bahn-Netz in der ersten Amtszeit zu verdoppeln – am Ende wuchs es um geschätzte acht Kilometer, was, selbst mit großzügiger Auslegung, eher eine Verdoppelung des Wortes “Verdoppelung” war als der Gleise.
Da waren 500 Kilometer neue Radwege, von denen Istanbuls Radfahrer bis heute nichts gesehen haben, außer dem Gegenverkehr.
Da war der Plan, das Atatürk-Olympiastadion mit Solarpanels zu bedecken und Windräder vor die Küste zu stellen – Projekte, die seither so viel Energie produziert haben wie eine ausgeschaltete Glühbirne.
Und da waren, mit schöner Regelmäßigkeit angekündigt, 40 neue Geburtskliniken und 961 “Mahalle Evleri”, von denen nicht eine einzige je ihre Türen öffnete.
Man könnte all das als Pech abtun. Großstadtprojekte sind komplex, Genehmigungen dauern, Ankara blockiert gern, wenn die Opposition den Bürgermeisterposten hält – das ist nicht von der Hand zu weisen und gehört zur fairen Bilanz dazu. Aber Pech allein erklärt schlecht, warum ausgerechnet die Projekte mit dem größten PR-Wert – die mit den schönsten Pressekonferenzen, den glänzendsten Renderings, den niedrigsten Reisezeiten in Sekunden – konsequent jene sind, die nie über das Stadium der Computeranimation hinauskommen.
Und da wäre ein Erdoğan, der seinerseits trotz Ankaraner Blockadehaltung als OB die Metropole in nur wenigen Jahren mit eigenen städtischen Mitteln wiederbelebte…
Während andere, weniger fotogene Vorhaben – etwa die Wiederbelebung von sieben unter der AKP-Vorgängerregierung gestoppten U-Bahn-Linien – tatsächlich fertiggestellt wurden, wurden neue Projekte nie in Angriff genommen. Es ist, als hätte die Stadtverwaltung damals zwei Geschwindigkeiten gehabt: eine für das, worauf man bauen kann, und eine für das, was man ankündigen kann. Nur die erste läuft mit den versprochenen 100 km/h.
Der HızRay als Lebensgefühl
Vielleicht steht der HızRay inzwischen weniger für ein Verkehrsprojekt als einen erhofften Zustand, der durch gutes Zureden von alleine kommt. Ein Versprechen, das so oft wiederholt wurde, dass es selbst zur Institution geworden ist – wie der Eiffelturm, nur dass man bei diesem wenigstens hochfahren kann. Jedes Jahr seit Ankündigung eine neue Pressekonferenz, ein neuer Düsseldorf-Trip zur Besichtigung deutscher Hochgeschwindigkeitszüge, ein neues “die Genehmigung ist praktisch da”, und jedes Jahr blieb die einzige Strecke, die der HızRay tatsächlich zurücklegen konnte, der Weg von einer Schlagzeile zur nächsten.
Sollte er eines Tages doch noch gebaut werden, hätte er immerhin einen Vorteil gegenüber jedem anderen Bauprojekt der Welt: Niemand würde sich wirklich wundern, dass es länger gedauert hat als geplant.
Sechs Jahre Verspätung bei einem Vier-Jahres-Versprechen – das war keine Panne, das war dem Fahrplan zur Präsidentschaftskandidatur geschuldet, für die offensichtlich Milliarden benötigt wurden und HızRay still und heimlich begraben, während es als Lebensgefühl weitergelebt wurde.