Wieder einmal wird die Geschichte erzählt, die im Westen besonders beliebt ist und nach Amberin Zaman nun von Gönül Tol gepflegt wird: Die Türkei habe sich verirrt, habe mit Russland geflirtet, die Grenzen ihrer „strategischen Autonomie“ erkannt und sei nun reumütig in den Schoß des Westens, der NATO zurückgekehrt. Das ist die gängige Lesart im Westen.
Es ist eine elegante Geschichte, eine bequeme, eine die womöglich die eigene Seele streicheln soll. Nur hat sie einen entscheidenden Nachteil: Sie erklärt vielmehr die Denkweise westlicher Think-Tanks als über die tatsächliche Außenpolitik Ankaras.
Denn die Grundannahme lautet stets dieselbe: Die natürliche Heimat der Türkei sei der Westen. Jede Annäherung an Russland wird als Abweichung, jede Kooperation mit Moskau als Irrweg und jede pragmatische Zusammenarbeit mit NATO-Partnern sofort als „Rückkehr“ betrachtet. Die Möglichkeit, dass Ankara weder nach Osten noch nach Westen marschiert, sondern schlicht eigene Interessen verfolgt, kommt in diesem Weltbild kaum vor. Was es mit "Interessen" auf sich hat, hatte ich bereits in einem Artikel ausgiebig erläutert.
Wenn wir nun noch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten aus der Türkei nehmen, spricht vieles dagegen, dass die türkische Außenpolitik der letzten Jahre kein Lagerwechsel bedeutet, sondern als Balancepolitik, als Risikominimierung zwischen Machtzentren. Die strategische Autonomie bestand nie darin, NATO und Westen zu verlassen, sondern darin, die eigene Verhandlungsposition gegenüber allen Seiten zu stärken. Der Wunsch der Türkei, mit den BRICS-Staaten zu kooperieren, unterstreicht diese strategische Autonomiebestrebung. Viele westliche Kommentatoren interpretieren eine mögliche BRICS-Mitgliedschaft oder BRICS-Nähe daher immer noch als geopolitische Abkehr vom Westen, was in sich nicht schlüssig ist und eher von Sorgen begleitet ist. Die Türkei will von beiden Seiten profitieren und dabei Unabhängigkeiten schaffen.
Die Behauptung, Erdoğan habe eine Alternative zum Westen in Russland gesucht, greift daher zu kurz. Russland war nie die Alternative. Russland war ein Instrument. Wer die letzten zehn Jahre betrachtet, erkennt ein Muster: In Syrien kooperierte Ankara mit Moskau und geriet gleichzeitig mit russischen Interessen aneinander. In Libyen standen beide Länder auf gegensätzlichen Seiten. Im Kaukasus unterstützte die Türkei Aserbaidschan gegen einen russischen Verbündeten. In der Ukraine lieferte Ankara Drohnen an Kiew, während es zugleich die Gesprächskanäle zum Kreml offen hielt.
Das alles sieht nicht nach einem Staat aus, der sich für eine Seite entschieden hat. Es sieht nach einem Staat aus, der sich möglichst viele Optionen offenhalten möchte. Noch problematischer ist die These, die Realität habe die Türkei „zurück in den westlichen Kreis“ gezwungen. Welche Realität genau?
Die Türkei ist seit Jahrzehnten NATO-Mitglied. Sie besitzt die zweitgrößte Armee des Bündnisses. Ihre Wirtschaft ist eng mit Europa verflochten. Sie ist Teil der europäischen Zollunion. Selbst in den Phasen größter Spannungen blieb sie institutionell tief im westlichen Sicherheits- und Wirtschaftsraum verankert. Die Vorstellung einer Rückkehr setzt voraus, dass die Türkei diesen Raum jemals verlassen hätte. Genau das ist jedoch nie geschehen.
Auch die oft zitierte Energieabhängigkeit von Russland wird selektiv betrachtet. Ja, Ankara bemüht sich um Diversifizierung. Gleichzeitig bleibt Russland ein zentraler Energiepartner, baut das Kernkraftwerk Akkuyu und spielt weiterhin eine wichtige Rolle im türkischen Energiesektor. Von einer strategischen Entkopplung kann also keine Rede sein. Wer daraus eine geopolitische Abkehr konstruiert, verwechselt Wunschdenken mit Analyse.
Auffällig ist zudem, dass dieselben Beobachter die türkische Eigenständigkeit regelmäßig als Problem betrachten, solange sie westlichen Interessen widerspricht, sie jedoch als Vernunft feiern, sobald Ankara Entscheidungen trifft, die Washington oder Brüssel gefallen. Blockiert die Türkei NATO-Erweiterungen, ist sie ein unberechenbarer Partner. Stimmt sie zu, ist sie auf den „richtigen Weg“ zurückgekehrt. Die Analyse folgt hier oft dem politischen Wunschdenken und damit auch die Sorge, die Türkei, eines der mächtigsten Militärmacht im Nahen Osten, an der Südostflanke, zu verlieren.
Die eigentliche Lehre der letzten Jahre lautet daher nicht, dass strategische Autonomie gescheitert sei. Vielmehr zeigt sich, dass die Türkei ihre Autonomie innerhalb bestehender Abhängigkeiten weiter ausübt und ausbaut. Kein Mittelstaat, und das ist die Türkei aufgrund ihrer geographischen Lage zwangsläufig, kann sich vollständig von Wirtschaftsräumen, Militärallianzen oder Energiepartnern lösen. Die Frage ist nicht, ob Ankara unabhängig ist. Die Frage ist, wie geschickt Ankara seine Abhängigkeiten gegeneinander ausspielt.
Genau das tut die Türkei seit Jahren. Die westliche Erzählung vom verlorenen Sohn, der nach einem Irrweg wieder heimkehrt, mag beruhigend klingen. Sie hat nur einen Haken: Sie setzt voraus, dass die Türkei die Welt weiterhin durch die Kategorien des Kalten Krieges betrachtet.
Ankara tut das längst nicht mehr. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Grund, weshalb viele Beobachter die Türkei bis heute nicht richtig verstehen.