Der sogenannte Vorwand der Regierung und der Istanbuler Bombenanschlag

von Nabi Yücel, 20 November, 2022

Die völkisch-kurdische Partei HDP spricht ungeniert von lebensverlängernden Maßnahmen der Regierung in Zusammenhang mit dem Istanbuler Bombenanschlag. Die westlichen Medien fokussieren sich ebenfalls auf angebliche Ungereimtheiten, während sie unentwegt die Dementis der YPG und PKK teilen.

Auch nach einer Woche ebben die Gerüchte nicht ab - bewusst nicht!

Eine Woche sind nach dem verheerenden Bombenanschlag in Istanbul auf der İstiklal Caddesi vergangen, aber die Gerüchte reißen nicht ab, dass die türkische Regierung den Bombenanschlag als Vorwand nimmt, um weitere Operationen gegen die Terrororganisation PKK und deren syrischen Ableger YPG zu legitimieren.

Auf die Aktion hin folgt die Reaktion

Nun hat die türkische Armee in der Nacht zum Sonntag eine Militäroperation in Nordsyrien und Nordirak gestartet. Damit erhalten die Gerüchte eine neue Dimension. Dabei ist die Sachlage längst klar, nur nicht unter jenen, die eine gewisse Politik oder ganz andere Interessen verfolgen.

Der Terroranschlag zieht sich wie ein roter Faden bis hin nach Kobanê

Eigentlich gibt es zum Bombenanschlag, zu den Verantwortlichen dieses teuflischen Plans keine „Rätsel“, wie es u. a. Tomas Avenarius von der Süddeutschen erklärt oder PKK-nahe Persönlichkeiten, die Partei HDP, Medien oder Organisationen zu Wissen glauben und entsprechend verbreiten. Schließlich wurde dieses Gerücht auch von der YPG/PKK von Beginn an selbst in die Welt gesetzt.

Ahlam Albashir und das Terrornetzwerk in Istanbul

Es gibt eine Attentäterin, die von einem PKK/YPG-Netzwerk im syrischen Kobanê betreut wurde, um gemeinsam mit einem gewissen Bilal Hassan über Afrin mit gefälschten Papieren am 27. Juli illegal in die Türkei zu gelangen und sich von dort nach Istanbul durchzuschlagen.

In Istanbul angekommen, kommt Ahlam Albashir sofort in einem Haus in Istanbul-Esenler unter, in der Syrischstämmige kaum auffallen. Insbesondere der Bezug zu syrischen Arabern wird von gewissen Kreisen stets unterstrichen, obwohl innerhalb der PKK/YPG auch arabische Elemente, vor allem in Syrien, vorzufinden sind. Das Haus gehört jedenfalls dem syrischen Textilunterunternehmer Ferhat Habeş sowie Fatma Berkel. Später wechselt das augenscheinliche Paar den Wohnort und zieht in das Textilatelier um, wo sie auch teilweise arbeiten.

Albashir unternimmt Tatort-Begehungen

Vor der Tat werden aus dem Atelier heraus erste Erkundungen in Taksim unternommen. Die erste übernimmt ein gewisser Ahmet Elşeybun am 22. Oktober zusammen mit Albashir unter Zuhilfenahme des illegal tätigen Taxifahrers Yasir al Korali. Das heißt, die Attentäterin Albashir begab sich zuvor zum Tatort, was die weitere Rückverfolgung der Videoaufzeichnungen durch Ermittlungsbehörden ergeben haben.

Am 4. November unternimmt Albashir ein weiteres Mal eine Begehung des Tatorts, zu der sie vom Taxifahrer erneut hingefahren wird. Vor dem Anschlag wird Albashir zuletzt am 8. November am Tatort noch einmal auftauchen, nach dem eine weitere Begehung am 12. November kurzfristig abgesagt wird. Am 13. November steigen Albashir sowie Hassan in das Taxi von Yasir Al Koral ein. Um 15:17 Uhr wird Albashir am Taksim-Platz abgesetzt. Hassan und der Taxifahrer kehren zurück ins Textilatelier, was die GPS-Daten der Handys wiedergeben.

Albashir erhält Anruf und lässt Tasche bewusst liegen

Albashir setzt sich um 15:30 auf eine Bank mitten auf der İstiklal Caddesi und wartet dort 41 Minuten. Dann erhält Albashir einen Anruf von einem weiteren Mitglied des Terror-Netzwerks namens „Haci“, der ihr die Anweisung gibt, die Tasche auf der Bank liegenzulassen und den Ort zu verlassen. Albashir steht um 16:11 Uhr auf, lässt die Tasche zurück und begibt sich erst langsam, dann aber im Eiltempo in Richtung Taksim-Platz, nach dem sie um 16:14 Uhr die Detonation mitbekommt.

Flucht in Richtung Esenler, dann Versteck in Küçükçekmece

Am Taksim-Platz kommt Albashir um 16:17 Uhr an, wo sie in ein Taxi steigt und zurück nach Esenler fährt; dem ersten Anlaufpunkt seit der Einreise in die Türkei. Hier wartet bereits Ahmed Jarkas, der Albashir in ein Haus in Küçükçekmece fährt.

Polizei wertet 1.200 Kameras, Telefonate und Chats aus

10 Stunden nach der Tat führt die Polizei um 2:50 Uhr Razzien in 21 unterschiedlichen Adressen, nach dem man über 1.200 Videokamera-Aufzeichnungen ausgewertet und Telefongespräche sowie Chats ausgewertet hat. Dabei werden zunächst 46 Verdächtige, darunter auch Ahlam Albashir, Ahmet Jarkas und Ammar J. festgenommen. Bilal Hassan ist bis zur Stunde flüchtig.

Hassan will ins europäische Ausland, aber der Plan misslingt

Hassan soll sich nach der Tat sofort nach Edirne begeben haben, um von dort mithilfe eines Schmugglerrings nach Bulgarien geschleust zu werden. Der Plan wird jedoch kurzfristig verworfen, weil nach Angaben bulgarischer Medien, Grenzschutzbeamte, die an diesem Tag Schicht hätten, abgelöst worden seien. Ein „islamistischer Terrorist“, gar IS-Anhänger, der ins europäische Ausland flüchten will? Gehts noch? Unter Flucht ins sichere Ausland versteht man eigentlich etwas anderes!

Bulgaren verhaften Schmugglerring

Nur wenige Tage später verhaftet die bulgarische Polizei 5 Personen in Zusammenhang mit dem Fluchtplan Bilal Hassan's, der ja schon von Interpol gesucht wird. Ihnen wirft die Generalstaatsanwaltschaft vor, Beihilfe bei einem Terroranschlag geleistet zu haben und Menschenschmuggel zu betreiben.

PKK verbreitet Gerücht und der Westen und HDP setzt darauf

Und dennoch behaupten gewisse Kreise weiterhin, dass die Tat der Regierung in die Hände gespielt hat oder, dass die Regierung sogar in den Plan involviert war bzw. hinweggesehen hat. Die Tat an sich oder die YPG/PKK kommen in diesen Argumenten erst gar nicht vor.

Diesen Kreisen missfällt schlicht die Option, dass die Terrororganisation YPG/PKK diesen Plan ausgeheckt haben könnte, um die türkische Regierung, inmitten von Vorwürfen angeblicher Nervengas-Einsätze der türkischen Armee auf PKK-Stellungen, zu einer Reaktion zu bewegen.

Man ignoriert konsequent eine weitaus logischere Schlussfolgerung. Die, dass der Terroranschlag das vorherrschende Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung negativ beeinflusst und damit die Regierung aufgrund der eigenen Sicherheits- und syrischen Flüchtlingspolitik in Bedrängnis bringt.

Reaktionen werden weiterhin herausgefordert

Währenddessen setzt die YPG/PKK zusammen mit den USA gerade jetzt vermehrt auf Publicity. Nur wenige Tage nach dem verheerenden Anschlag von Istanbul gratuliert ein US-Offizier der Spezialkräfte in Nordsyrien publikumswirksam einer neu gebildeten sogenannten Antiterror-Einheit der YPG.

An der Glaubwürdigkeit der USA, die türkische Interessen trotz anderslautender Bekundungen seit fast einem Jahrzehnt zuwiderlaufen und jetzt erneut vor Augen geführt wird, scheint niemand ernsthaft zu rütteln. Nicht einmal die PKK-nahen Persönlichkeiten, wollen die Abhängigkeit von den USA in Abrede stellen, schon gar nicht die HDP, die über europäische sowie US-amerikanische Kanäle um Solidarität mit Kobanê aufruft.

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