Griechenland und die S-300 - der Finger am Startknopf

von Nabi Yücel, 5 September, 2022

Stellt sie sich vor: Sie fliegen einen Einsatz in einem Einsatzverband der NATO im östlichen Mittelmeer und werden von einer russischen S-300 erst anvisiert, dann angepeilt! Was denken sie?

Geschehen ist das am 23. August 2022, westlich von Kreta. Bei der S-300 handelt es sich um ein russisches Bodenluftraketensystem, die Griechenland auf der Insel Kreta stationiert hat. Bei dem Flieger, der im Einsatz war, handelt es sich um eine türkische F-16.

Betrachten wir doch das einmal ganz nüchtern von einer anderen Warte aus. Sie fahren als Europäer auf einer griechischen Schnellstraße nach geltenden Regeln, haben alle Papiere und wenig später sehen sie einen griechischen Polizisten, der im Beisein eines US-Sheriffs mit seiner Waffe auf sie zielt und den Finger am Abzug hat. Was tun sie?

Genau das passierte, wenn man den Vorfall vom 23. August 2022 aus diesem Blickwinkel betrachtet.

Ein türkischer Kampfpilot überfliegt im Auftrag des ständigen maritimen Einsatzverbandes der NATO (SNMG2) am 23. August westlich von Kreta in einer Höhe von 10.000 Meter den griechischen Luftraum. Auch die Fregatte TCG Kemalreis (F 247) unter dem Oberkommando des Lenkwaffenzerstörers USS Forrest Sherman ist im östlichen Mittelmeer im Einsatz. Die F-16 wird plötzlich von einem Radar erst anvisiert, dann angepeilt.

Das griechische Militärpersonal an Bord des S-300 Feuerleitradars auf Kreta muss eigentlich nur noch den Knopf drücken, dann findet die Lenkwaffe ihr Ziel von alleine.

Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar reagierte nach dem Vorfall entsprechend scharf und sprach von einer Unverschämtheit und Rücksichtslosigkeit ohne gleichen:

So eine unverschämte Frechheit, so viel Rücksichtslosigkeit ist nicht akzeptabel.

Von der Standing NATO Maritime Group 2 (SNMG 2) ist seitdem nichts über den Vorfall zu hören. Die NATO-Kommandobehörde zur Führung von Seestreitkräften (MARCOM) hält sich ebenso bedeckt wie NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg selbst.

Gerade Stoltenberg, der Anfang 2021 sich damit rühmte, die Wiederannäherung zwischen den beiden NATO-Partnern vorangetrieben zu haben, scheint derzeit seine Fühler eingezogen zu haben.

Offensichtlich ist man sich nicht bewusst, welche Tragweite dieser Vorfall hat. Oder aber, man ist sich sehr wohl bewusst, was das für Auswirkungen haben kann. Schliesslich gab es stets Katz- und Maus-Jagten zwischen türkischen und griechischen Kampfjets, aber niemals hat man es soweit getrieben, den Peilradar auf den Gegner zu fixieren.

Seit Jahresbeginn hat die griechische Luftwaffe den türkischen Luftraum 256-mal verletzt. Über 158 provokative Handlungen gab es gegenüber türkischen Kampfjets seitens der griechischen Streitkräfte. Aber das ist eine ganz neue Dimension, die sich hier auftut. Und das ist nur eine von vielen Ungereimtheiten:

Vorige Woche gratulierte die NATO Allied Land Command (LANDCOM) über Twitter der Türkei zum 30. August, zum 100-jährigen Jubiläum des Tags des Sieges. Nur Stunden später zog sie den Post von Twitter zurück, nach dem Griechenland dagegen lautstark Protest eingelegt hatte. Nur wenige Tage später veröffentlichte die LANDCOM nun eine entschärfte Version der Gratulation. Dieselbe LANDCOM, die fast alle Feiertage Griechenlands nicht vergisst und pompös ausgeschmückt gratuliert. Für die Türkei bislang kein Grund, das zu monieren.

Perspektivwechsel: Seit Monaten verschifft die US-Armee Material, Mann und Maus ins griechische Alexandroupoli, Thessaloniki, Kilkis, Larisa, Araxos, Preveza, Athen und Kreta. Man hat ganz Griechenland und die Inseln quasi zu einem US-Stützpunkt verwandelt.

Unter den Augen dieser Streitmacht, unter der Kommandobehörde der NATO, wird ein türkischer Kampfjet von einem Verbündeten erst anvisiert, dann angepeilt. Und dieser Vorfall wird seitdem ausgesessen. Fassen wir alles zusammen, kommt ein schräges Bild rüber.

Offensichtlich steht der US-Sheriff nicht ohne Grund neben seinem griechischen Kollegen, der auf dich gezielt hat und den Finger am Abzug hatte; und nach dem man sich beschwert, keiner Schuld bewusst ist und den Vorfall strikt von sich weist. Der Sheriff selbst kommentiert das nicht, macht offensichtlich von seinem Zeugnisverweigerungsrecht gebrauch.

Das kann nur bedeuten, dass die zwei unter einer Decke stecken. Sprich, du sollst dich zu etwas hinreißen lassen, dass dich dann teuer zu stehen kommen kann. Aber wozu will man dich eigentlich verleiten? Das ist doch die eigentliche Frage!

Ein NATO-Verbündeter der bei einem weiteren Verbündeten Waffen und Soldaten stationiert, aber über dessen Fehler gegenüber einem weiteren NATO-Verbündeten schweigt, der ist dort nicht als Statist dort. Dieser NATO-Verbündete ist offensichtlich nur dort, um für seinen Gastgeber als Leumund parat zu stehen. 

Das kann ein Konflikt sein, das man selbst losgetreten hat, aber dem anderen vorwirft und als Leumund seinen Gast an der Seite hat; das kann aber auch hinter dem Statisten ein Wink mit dem Zaumpfahl sein, um den Dritten im Bunde kalt zu stellen.

Jetzt kann man die Reaktion des türkischen Verteidigungsministers Hulusi Akar, die Drohung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan vom 4. September gegen Griechenland vielleicht besser einordnen.

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