„Betrüger“, „Verräter“, „Verschwindet“ – so skandierten heute früh Hunderte Anhänger von Özgür Özel vor dem türkischen Nationalparlament. Sie hatten sich versammelt, um die angekündigte Fraktionssitzung der CHP zu begleiten, die Özel an diesem Morgen abhalten wollte. Angekündigt hatte sich auch sein Rivale Kemal Kılıçdaroğlu.
Im Fraktionssaal selbst herrschte eine aufgeheizte Atmosphäre, die eher an einen überfüllten Badebetrieb an der türkischen Riviera erinnerte als an ein Parlament. Abgeordnete, die sich dem Lager von Özgür Özel zurechnen, hatten bereits vor 9 Uhr quasi symbolisch „ihre Handtücher ausgelegt“, um sich die besten Plätze zu sichern und Abgeordnete aus dem Umfeld von Kemal Kılıçdaroğlu möglichst auf Distanz zu halten.
Auch vor dem Nationalparlament blieb die Lage angespannt. Anhänger beider Lager standen sich gegenüber, die Stimmung war entsprechend geladen. Schnell eskalierte die Situation seitens der Anhänger von Özgür Özel rund um die anwesenden Medienvertreter: Journalisten wurden zunächst beschimpft, anschließend kam es vereinzelt zu Handgreiflichkeiten gegen Kamerateams und Reporter, die aus nächster Nähe berichten wollten. Erst als weitere Medienschaffende einen Schutzkreis bildeten und die Polizei einschritt, beruhigte sich die Lage wieder.
Puhh, noch mal Glück gehabt.
Im Inneren des Parlaments verlief die Fraktionssitzung unterdessen ohne Kılıçdaroğlu, der seine Teilnahme kurzfristig abgesagt hatte. Özgür Özel trat dennoch auf und hielt seine Sitzung ab, polterte gegen Kemal Kılıçdaroğlu. Kılıçdaroğlu wiederum hatte offenbar bis zuletzt auf eine innerparteiliche Versöhnung gehofft – doch die Gräben innerhalb der CHP bleiben tief, die Kluft ist groß, der Haussegen der CHP hängt ziemlich schief.
In einer späteren, separat abgehaltenen Ansprache im Parlament fand Kemal Kılıçdaroğlu deutliche Worte dazu. Sein Tonfall war ungewöhnlich scharf, seine Botschaft klar und tief: Die CHP müsse sich reinigen, neu aufbauen, neu positionieren und ihre Rolle im Staat definieren.
Er war wie ausgewechselt, er sprach Klartext, er berührte mit jedem Satz die Gemüter der Zuhörer im und außerhalb des Saals.
Wenn man die Türken erreichen will, spricht man von imperialen Mächten, die Atatürk vertrieben hat, von Visionen oder Errungenschaften und von der türkischen, atatürkischen Staatsdoktrin. Genau das machte Kılıçdaroğlu:
„Sehen Sie, in der Außenwelt gibt es große Veränderungen.
Die Welt verändert sich, der Nahe Osten verändert sich. Wir alle wissen derzeit, wie wertvoll die Straße von Hormus ist.
Nun, was sagt die CHP zu diesem Thema? Wenn die CHP die Interessen dieses Staates nicht verteidigt, wer dann?“
Und dann der Dolchstoß, gerichtet an Özgür Özel:
„Kein CHP-Vorsitzender kann ins Ausland reisen und als Bittsteller „warum helft ihr uns nicht?“ sagen.
Was soll das überhaupt heißen?
Wie können Mitglieder einer Partei – einer Partei, die gegen die vereinten Kräfte der Welt gekämpft und die Griechen, Franzosen und Briten aus diesen Ländern vertrieben hat – ins Ausland reisen und sagen: „Ihr lasst uns alle im Stich“?“
Der saß! Überschwänglicher Applaus...
Zuerst dachte ich, da spricht Recep Tayyip Erdoğan, oder Hakan Fidan....
Aber nein, dass war Kemal Kılıçdaroğlu höchstselbst, der "Piro". Einst bis 2023 gefeierter Dauerkandidat und Parteichef der CHP für den Posten des Ministerpräsidenten, dann Staatspräsidenten - wobei er allesamt verloren hatte, gegen Erdoğan.
Wie kannte ich Ihn? Als einen Langweiler, einen Politiker der weder Visionen hatte, noch vermitteln konnte, der unter Geopolitik nicht über das Nationalparlament hinaus denken konnte und bei Wahlsieg Traktoren, Wohnungen und Schnuller verteilen, Schulden der Bürger begleichen, Renten aufstocken wollte. Einer der wie eine Schlaftablette wirkte, seine Parteimitglieder mit Samthandschuhen anfasste und über Unzulänglichkeiten innerhalb der Partei hinwegsah.
Und heute?
Wie ausgewechselt! Der Typ war einst so lost, und jetzt?
Heute, Kemal Kılıçdaroğlu so:
"Nie zuvor in der Geschichte wurden Verhandlungen für Parteitage in Nachtclubs geführt.
Ich werde dafür kritisiert. Wir werden uns reinigen; wir werden uns reinigen. Wir werden uns von schmutziger Politik befreien."
Das galt wohl Özgür Özel und Ekrem İmamoğlu… Kılıçdaroğlu umschrieb quasi Özgür Özel, der uns jene als Vorbild gezeigt habe, die dem deutschen Kaisers Gold und Prunk hereingefallen waren und ihre eigenen Söhne in Schützengraben trieben, um ihre politischen Karrieren zu sichern.
Dabei ist die Sache viel einfacher. Mit Peştemal, Koffern, Kamera-Abdeckungen und Villen war diese Gruppierung um Özgür Özel auf frischer Tat ertappt worden.
Und Kılıçdaroğlu weiter:
„Die Türkei muss im Nahen Osten präsent sein, sie muss in den türkischen Republiken präsent sein, sie muss in der Geografie des Mittelmeers präsent sein. Die CHP ist eine Partei, die dem Staat die Richtung weist. Sie sollte sich nicht in kleinlichen Debatten verlieren.“
"Schaut euch die Länder des Osmanischen Reiches an. Die Türkei muss in diese Region gehen und dort ihre eigene Identität entwickeln.
Wir müssen nicht schrumpfend, sondern wachsend dorthin gehen. In der osmanischen Region muss die Türkei präsent sein."
Abooow…
Das muss man festhalten, dass muss man einrahmen lassen.