Express in die Zukunft – mit Verspätung von sechs Jahren. Es gibt Sätze, die man sich für die Ewigkeit aufheben sollte. Einer davon stammt von Ekrem İmamoğlu, anno 2020, frisch im Amt als Oberbürgermeister von Istanbul, voller Tatendrang: “2021’in 6. ayında başlar hale getireceğiz. 4 yılda bitecek.” Im Juni 2021 sollte es losgehen, vier Jahre später, also spätestens Mitte 2025, sollte man mit dem Hızray durch Istanbul rasen können – von Beylikdüzü bis zum Flughafen Sabiha Gökçen, 74,5 Kilometer, 13 Stationen, ein Tunnel unter dem Bosporus, der die Stadt endlich zusammenhalten würde wie ein guter Schal im Winter.
Juni 2026
Manchmal sind die interessantesten Fragen nicht die, die gestellt werden. Sondern die, die seit Jahren nicht gestellt werden durften. Der Tod von Muhsin Yazıcıoğlu gehört zu diesen Fragen. Oppositionsjournalist und ehemaliger Angeklagter in den Ergenekon-Prozessen zwischen 2007 und 2013, Nedim Şener, betrachtet den Fall von seiner Warte aus und beschuldigt nicht nur die Gülen-Sekte, bis zum Schluss die Aufklärung der Todesumstände namhafter Persönlichkeiten, verhindert zu haben.
Der türkische Oppositionsanführer Özgür Özel bewegt sich rhetorisch manchmal wie jemand, der gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzen will – und sich wundert, dass er dabei gelegentlich auf viele Füße tritt. Nichts neues in der Partei CHP, deren einstiger und gegenwärtiger Parteichef Kemal Kılıçdaroğlu genau dieselben taktischen Fehler machte, wie jetzt sein ehemaliger Ziehsohn und gegenwärtige Parteikontrahent Özgür Özel.
In der Türkei kristallisieren sich zwei Lager, die sich nicht nur in diesem Punkt vehement widersprechen. Das erste Lager sagt: „Die Justiz ist vollkommen unabhängig.“ Das zweite Lager sagt: „Die Justiz wird vom Präsidenten per Fernbedienung gesteuert.“ Beide Lager haben etwas gemeinsam: Sie vereinfachen die Wirklichkeit bis zur Unkenntlichkeit.
Es gibt Fälle, die zeigen nicht nur, wie ein Staat, ein Staatenverbund funktioniert. Sie zeigen vor allem, wie eine Gesellschaft funktioniert. Der Fall Hüseyin Doğru ist ein solcher Fall und ein Paradebeispiel für die Doppelmoral von sogenannten Demokratieverfechtern, die sich gegenwärtig bedeckt halten.
Wieder einmal wird die Geschichte erzählt, die im Westen besonders beliebt ist und nach Amberin Zaman nun von Gönül Tol gepflegt wird: Die Türkei habe sich verirrt, habe mit Russland geflirtet, die Grenzen ihrer „strategischen Autonomie“ erkannt und sei nun reumütig in den Schoß des Westens, der NATO zurückgekehrt. Das ist die gängige Lesart im Westen.
Politik kann manchmal herrlich unterhaltsam sein. Das ist nicht nur Deutschland vorbehalten. Jahrzehntelang erklärte man uns Türken, die Türkei müsse sich aus regionalen Konflikten heraushalten. Der bekannteste Leitspruch der modernen Türkei bedeutet ja übersetzt „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“. Es stammt von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der Türkischen Republik und wurde 1931 geäußert.
„Betrüger“, „Verräter“, „Verschwindet“ – so skandierten heute früh Hunderte Anhänger von Özgür Özel vor dem türkischen Nationalparlament. Sie hatten sich versammelt, um die angekündigte Fraktionssitzung der CHP zu begleiten, die Özel an diesem Morgen abhalten wollte. Angekündigt hatte sich auch sein Rivale Kemal Kılıçdaroğlu.
Monatelang wurde der Eindruck erweckt, die Türkei stehe unmittelbar vor einem politischen Erdrutsch. Der abgesetzte ehemalige CHP-Parteichef Özgür Özel sprach von einer historischen Wende, von einer Regierung und von einer Parteiführung unter Kemal Kılıçdaroğlu ohne Rückhalt und von einer Nation, die nur darauf warte, bei vorgezogenen Neuwahlen endlich ihr vernichtendes Urteil über die "Diktatur" und dem "Verräter" zu sprechen. Die Forderung war daher immer dieselbe: Sofortige Neuwahlen. Jetzt. Nicht morgen, nicht nächstes Jahr.